Projekte > Schreibwettbewerb 2003 > Gesamtsiegerin

"TENYA oder EINE REISE INS UNGEWISSE" von Meike Blatzheim

1.

Ich spiele mit Hêlîn vor der Hütte im Sand, als Vater vom Feld nach Hause kommt. Freudig springe ich auf und laufe ihm auf den letzten Metern entgegen. "Hallo Prinzessin!", ruft er und hebt mich hoch in die Luft. Auch Hêlîn kommt angerannt, so schnell sie ihre kurzen Beine tragen. Vater setzt mich ab und hebt meine Schwester auf seine Schultern, so dass sie vor Freude quietscht. Alles ist wie immer. Und doch habe ich das Gefühl, dass sich etwas verändert hat. Vaters Lachen klingt unecht und gequält. Auch die dicke Sorgenfalte auf seiner Stirn ist kaum zu übersehen.

Abends liege ich auf meiner Matte und kann nicht einschlafen. Draußen zirpen die Grillen. Neben mir höre ich meine Geschwister ruhig atmen. Sie schlafen schon. Der kleine Darya murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Was er wohl träumt?
Seufzend drehe ich mich auf die andere Seite. Ich bin überhaupt nicht müde. Ob das daran liegt, dass Vollmond ist? Vielleicht hilft es, wenn ich mich ein wenig nach draußen setze. Kurz entschlossen stehe ich auf und taste mich durch den dunklen Raum. Ich muss aufpassen, dass ich nicht auf meine schlafenden Geschwister trete. Geschafft! Ich stoße die Tür auf und schaue in die helle Nacht. Im Mondlicht wirkt unser kleiner Hof viel schöner als am Tage. Es fällt kaum auf, dass das Scheunendach löchrig und die weiße Wand des Schafstalls schmutzig ist. Ich kenne jeden Stein und jeden noch so kleinen Winkel hier. Den Weg bis zu dem Mandelbaum finde ich auch im Dunkeln wie im Schlaf. Ich liebe diesen Baum, auf dessen Rinde sich tagsüber die Eidechsen sonnen und in dessen Schatten man so wunderbar träumen kann. Ich lehne mich gegen den starken Stamm und schließe die Augen. Die Grillen hört man hier noch lauter - aber halt, da ist doch noch etwas! Gedämpfte Stimmen, die aus der Hütte der Eltern kommen. Ich halte den Atem an und lausche, doch ich bin viel zu weit entfernt, um das Gespräch hören zu können. Soll ich? Soll ich nicht? Schließlich siegt meine Neugier und ich erhebe mich aus dem Schatten des Mandelbaumes. Leise und behände wie eine Katze schleiche ich durch die Nacht auf die Hütte zu.

"Es hilft doch nichts", höre ich Mutters Stimme, "wir müssen vernünftig sein. Denk doch auch an die Kinder." Vater soll an uns denken? Worum geht es in dem Gespräch? Vaters Antwort lässt einiges klarer werden. "Ich sehe es ja ein," sagt er, "aber ich hänge halt an dem Hof, an unserer Heimat. Ich bin hier geboren, war nie woanders. Und ob Europa wirklich das Allheilmittel ist? Ich weiß es nicht, aber es gibt wohl keine andere Lösung." Mutter seufzt und bestätigt: "Es geht halt nicht anders." Ihre Stimme kommt plötzlich näher. "Ich geh noch mal eben nach den Schafen gucken." Verdammt, jetzt muss ich mich aber beeilen, wenn ich nicht erwischt werden will! Schnell stoße ich mich von der Hüttenwand ab und husche über den Hof zu unserer Hütte zurück. Als ich die Tür von innen zuziehe, schlägt mein Herz immer noch schneller. Was ich dort eben gehört habe, macht mir Angst. Unseren Hof verlassen? Weg von hier, von meinem Zuhause? Nie wieder in der Mittagszeit unter dem Mandelbaum sitzen und in den blauen Himmel mit den Schäfchenwolken schauen? Tränen steigen mir in die Augen. Das kann doch gar nicht sein. Das ist sicher nur ein böser Traum.

Das es das nicht ist, wird mir am nächsten Tag bewusst. Es ist früher Abend, als Vater mit ernstem Gesicht zu mir kommt. Ich wollte gerade losgehen, um Wasser vom Brunnen zu holen. "Tenya", sagt er, und seine dunklen Augen sehen traurig aus, "Weißt du, von unserem Hof können wir nicht mehr leben. Es gibt schon wieder neue Weideverbote, die Schafe haben bald gar nichts mehr zu fressen. Und die Gebiete, in denen wir sie grasen lassen dürfen, sind zu gefährlich, weil dort Minen liegen. Die Felder bringen auch kaum Erträge, es ist einfach zu trocken. Wir müssen verkaufen, bevor es zu spät ist. Onkel Siwan hat mir ein recht gutes Angebot gemacht. Er wird den Hof übernehmen und uns dafür etwas Geld und den Familienschmuck geben." Also doch! Weg von hier, weg von meiner geliebten Heimat. Ich schlucke, muss fast schon wieder weinen. Vater nimmt mich in den Arm. Trübsinnig blickt er auf den Hof. "Das hier bedeutet mir genauso viel wie dir," sagt er leise, "aber es geht einfach nicht weiter so. Bevor wir hier verhungern, müssen wir versuchen, woanders ein neues, besseres Leben zu beginnen. Du musst dich bemühen, das zu verstehen. Du musst vernünftig sein." Ich will nicht vernünftig sein, ich will nicht immer die große Vernünftige sein. Ich will mit den Füßen auf den Boden stampfen, mich am Zaun festklammern und meinen ganzen Schmerz herausschreien. Aber ich bleibe still und nicke.

2.

In den nächsten Tagen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Wenn Vater nicht mit Onkel Siwan zusammenhockt, fährt er in die Stadt, um irgendetwas zu erledigen. Er muss zum Beispiel noch für unser Lager in Adana, wo wir zunächst hinfahren werden, sorgen. Ich kümmere mich um Hêlîn und Darya, schleppe Wasser für die Schafe, helfe Mutter beim Kochen, ganz wie immer. Doch in jeder freien Minute, sitze ich unter dem Mandelbaum, beobachte Eidechsen und die streunende Katze, sehe in die vor Hitze flimmernde Luft oder den strahlend blauen Himmel. Ich höre die Grillen zirpen, die Lämmer blöken und zwischendurch das fröhliche Geplapper von Hêlîn und Darya. Die Luft riecht nach Sommer und ein klein wenig nach Schafsdung. Und während ich so dasitze und den vertrauten Anblick genieße, muss ich immer wieder daran denken, dass ich all das hier bald für immer verlassen muss.

Dann ist es soweit. Hektik macht sich breit. Mutter hat hier und dort noch etwas vergessen, Vater schaut noch einmal nach den Schafen. Hêlîn trägt ihren kleinen Rucksack selbst, ernst steht sie da und wartet. Darya sitzt auf meinem Arm und klammert sich an mich. Endlich sind auch Mutter und Vater soweit. Ich umarme Onkel Siwan und seine Frau, ein letztes Mal streicht mir die Katze um die Beine. Als wir schwer bepackt den schmalen Weg zur Stadt einschlagen, drehe ich mich noch einmal um. Im gleißenden Sonnenlicht sieht unser kleiner Hof schon jetzt so unwirklich aus wie ein Bild aus einem Film.

Kurze Zeit später stehen wir in einem überbesetzten, klapprigen Bus, der unaufhörlich durch die Schlaglöcher auf der schlecht geteerten Landstraße rumpelt. Hêlîn quengelt, sie hat Durst und außerdem ist es furchtbar heiß. Ich stehe schweigend da. Wir sind jetzt schon Stunden unterwegs, ich bin müde und meine Füße tun weh. Dauernd kippt mein Kopf zur Seite, doch beim nächsten Schlagloch schrecke ich wieder hoch.
Endlich sind wir da. Mutter trägt Darya und ich halte Hêlîn an der Hand, als wir erleichtert aus dem stickigen Bus steigen. Puh, frische Luft! "Frisch" ist allerdings stark geschmeichelt, denn mit der klaren Luft in den Bergen kann man diesen Mief nicht vergleichen. Irgendwie eigenartig riecht es, einordnen kann ich den Geruch aber nicht. Als ich Vater darauf aufmerksam mache, meint er: "Das kommt von den Abgasen der Autos und der Fabriken. Adana ist eine Großstadt, da ist die Luft nun mal verbrauchter als auf dem Land." Die Großstadt sieht man Adana an. Überall Häuser, fremdgekleidete Menschen und vor allem Autos. So viele Autos habe ich noch nie auf einem Fleck gesehen. Unser Nachbar hatte auch eines, was für uns Kinder immer eine Sensation war. Aber dass so viele Leute ein Auto haben, ist mir neu. Man muss richtig aufpassen, damit man ihnen nicht in die Quere kommt, wenn man durch die Stadt läuft.

Vater schaut trotz des Stadtplans, den er in der Hand hält, völlig planlos durch die Gegend. "Wo müssen wir denn jetzt hin?", murmelt er. Mutter wirft einen Blick auf den Plan, doch auch sie weiß nicht weiter. Kein Wunder, schließlich kann sie nicht lesen! "Frag doch einfach jemanden", schlage ich vor und Vaters Gesicht erhellt sich. "Daran hab ich ja gar nicht gedacht!" Zielstrebig läuft er auf eine Gruppe alter Männer zu, die an einer Hauswand lehnen. "Können Sie uns sagen, wie wir zu Ali kommen?" fragt Vater auf türkisch. Gut, dass ich ein bisschen was davon verstehe! Verdutzt schauen ihn die Männer an. "Wie heißen die denn mit Nachnamen?", fragt einer und ein anderer mit tiefen Falten im Gesicht fügt hinzu: "Sagen Sie uns doch erst mal die Adresse." Vater schaut sie verständnislos an. "Aber Sie müssen doch wissen, wer hier wohnt." Einer der Männer, er hat nur noch schwarze Stumpfe statt Zähne im Mund, beginnt zu lachen. Auch die anderen lassen sich anstecken. "Wissen Sie eigentlich, wie viele Alis in dieser Stadt wohnen?", prustet der mit den Falten. "Guter Mann, woher soll ich denn wissen, welchen Sie meinen?" Jetzt sind wir an der Reihe erstaunt zu sein. In unserem Dorf ist es ganz normal, dass man einfach nur den Vornamen desjenigen nennt, den man sucht und jeder weiß Bescheid wer gemeint ist. Diese Stadt verwirrt mich immer mehr. Wie sollen wir denn jetzt Ali finden?
Schließlich hat einer der Männer eine Idee: Er nennt uns den Namen eines Viertels, in dem viele Kurden wohnen sollen. "Vielleicht kann Ihnen dort jemand weiter helfen", sagt er.

3.

Die Idee erweist sich als wirklich gut. Nachdem wir uns bei diversen Leuten durchgefragt haben, finden wir das Viertel tatsächlich. Hier ist es ruhiger als mitten in der Stadt, dafür aber auch noch schmutziger. Vater fragt mal wieder jemanden nach dem Weg. Während die beiden ein höfliches Gespräch auf türkisch führen, schaue ich mich um: Die Gassen sind schmal und dunkel, denn durch die hohen Häuser dringt kaum Licht auf die ungeteerte Straße. Dürre Katzen und klapprig aussehende Hunde streunen durch das Viertel. In jeder Ecke liegt irgendein Gerümpel herum, zum Teil Dinge, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Auf einem Hinterhof, unter bunter Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt ist, spielen einige Kinder in Hêlîns Alter. Ein Straßenverkäufer fährt mit seinem Eselskarren durch die niedrigen Torbogen und ruft laut: "Melonen, frische Melonen! Frische Melonen zu Superpreisen!". Über dieser Szene liegt der Geruch von Abendessen, verfaultem Obst und Urin. Trotzdem fühle ich mich hier wohler als mitten in Adana, denn die vielen Autos sind mir immer noch nicht geheuer. Dann doch lieber ein Eselskarren! Vaters Stimme reißt mich aus meinen Gedanken: "Kommt, lasst uns weiter gehen, es ist nicht mehr weit!" Zufälligerweise ist der Mann, den er gerade nach dem Weg gefragt hat, Alis Vetter und führt uns zum Haus der Familie. "Haus" ist allerdings reichlich übertrieben, stelle ich nach kurzem Mustern fest, "Bruchbude" wäre wohl angebrachter. Na ja, ich fürchte, wir dürfen keine Ansprüche stellen. Also klettere ich todesmutig samt Gepäck in der einen und Hêlîn an der anderen Hand über die als Notbrücke dienende, wackelige Holzplanke. An der Tür - einem Loch in der Wand - nimmt Vater Hêlîn entgegen und hebt sie in den dunklen Wohnraum. Mutter, die immer noch den kleinen Darya sicher im Arm hält, Alis Vetter und ich kraxeln hinterher. Ein bärtiger Mann, der sich als Ali vorstellt, begrüßt uns freundlich auf kurdisch. Außer ihm leben hier noch seine alte Mutter, seine Frau Boran und ihre vier Kinder. Hêlîn beginnt gleich mit dem kleinsten der Kinder zu spielen. Darya dagegen ist inzwischen auf Mutters Arm eingeschlafen. Wir "Großen" bekommen ein Abendessen, das sogar ganz passabel schmeckt. Danach ziehen sich die Männer zurück, um Wasserpfeife zu rauchen und sich zu unterhalten. Mutter hilft Boran die Kinder ins Bett zu bringen und so bleiben Alis Mutter und ich zusammen auf dem Kelim sitzen. "Wie heißt du denn?", fragt die alte Frau und mustert mich. "Tenya", antworte ich brav und schaue auf den bunten Teppich. Vor alten Menschen muss man schließlich Respekt zeigen. "Schöner Name", murmelt sie. "Und wie alt bist du?" "12." Noch immer traue ich mich nicht aufzuschauen. Plötzlich sagt sie: "Du darfst mich ruhig anschauen, ich lege keinen großen Wert auf solch traditionelles Zeug. Und außerdem kannst du mich Großmama nennen, wenn du möchtest." Verblüfft schaue ich die alte Frau an. Großmama darf ich sie nennen und dass, obwohl wir gar nicht verwandt sind? Und von unseren Traditionen hält sie auch nichts?
Als ich eine gute Stunde später auf einer provisorisch hergerichteten Matratze liege, bin ich immer noch ganz durcheinander. Kein Wunder, so viel neues, wie ich heute gesehen habe! Trotzdem falle ich in einen unruhigen Schlaf. Ich träume von hupenden Autos, in denen Männer ohne Zähne sitzen und sich vor Lachen gar nicht mehr einkriegen, von über Schuttberge kletternden Frauen ohne Kopftüchern, die ununterbrochen "Melonen, frische Melonen!" rufen und von wackeligen Holzbrücken über die ein Eselskarren fährt.

4.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, scheint schon die Sonne durch die Türöffnung. Verwirrt blinzle ich in das helle Licht und muss einen Moment lang überlegen, wo ich überhaupt bin. Dann fällt mir siedendheiß ein: Adana. Einen Augenblick lang bin ich versucht, die Augen noch einmal zu schließen und zu hoffen, dass ich das nächste Mal zu Hause in unserem Dorf wach werde. Wie schön wäre es, die Zeit zurückdrehen zu können!

Weil ich das aber leider nicht kann, entschließe ich mich dann doch zum Aufstehen. In der Küche sitzen die anderen schon am Tisch und frühstücken. "Schön, dass du auch noch kommst, Tenya!", begrüßt mich Mutter etwas vorwurfsvoll. "Ausgeschlafen?", fragt Großmama und zwinkert mir verschmitzt zu. "Du hast ja gestern auch einen anstrengenden Tag gehabt, nicht wahr?" Ich nicke verschlafen und setze mich dazu. Vater und Ali unterhalten sich über die Situation in Adana. "Hier sieht es auch nicht besser aus als auf dem Dorf", sagt Ali gerade, "Es ist schwierig einen Job zu bekommen und wir müssen ständig auf der Hut vor der Polizei sein. In diesem Viertel leben fast nur Kurden und die Polizei durchkämmt es regelmäßig in brutalen Razzien. Sobald auch nur irgendein Verdacht aufkommt, du könntest in der PKK, der Kurdischen Arbeiterpartei, sein, landest du im Gefängnis." Vater nickt wissend. "So etwas ähnliches habe ich mir schon gedacht", meint er besorgt, "eigentlich ist Adana für uns auch nur als Zwischenstation gedacht. Wir wollen nach Europa, wenn es irgendwie möglich ist. Du kennst nicht zufälligerweise jemanden, der uns dabei behilflich sein könnte?" Jetzt ist es an Ali, besorgt auszusehen. "Bist du dir sicher, dass ihr das wirklich wollt? So eine Flucht ist gefährlicher, als du denkst. Ich weiß nicht, wie viele Menschen schon auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen sind, aber es sind auf jeden Fall eine ganze Menge!" Doch Vater winkt ab. "Immer diese Schauergeschichten! Wenn mir überhaupt etwas Sorgen macht, ist es das Geld. Aber ich denke, wenn wir den Familienschmuck verkaufen, müsste es reichen." Ali sieht immer noch so aus, als wäre er nicht glücklich über Vaters Idee, aber er gibt nach. "Also gut", seufzt er, reißt einen Zettel ab, schreibt etwas darauf und schiebt ihn Vater zu, "frag dort mal nach."

Nachdem Vater sich auf den Weg gemacht hat, Boran und Mutter sich um den Haushalt kümmern und meine kleinen Geschwister mit den anderen Kindern auf dem Hinterhof spielen, bleibe ich schon wieder alleine sitzen. "Ist dir langweilig?", fragt Großmama, die auf dem einzigen Stuhl im ganzen Haus sitzt und eifrig strickt. Ich nicke zögernd. "Weißt du was? Ich wollte gleich ins Hamam. Willst du nicht mitkommen?" "Hamam?" Was bitte soll das sein? Dieses Wort habe ich noch nie gehört. "Sag nicht, du warst noch nie in einem Hamam.", ruft Großmama aus und schaut auf. "Das ist ein türkisches Bad, in das jeder gläubige Muslim regelmäßig gehen sollte." Ich schüttele den Kopf. Nie gehört. "Kind, Kind", murmelt Großmama mehr zu sich selbst, "Was gibt es in eurem Dorf überhaupt?" Auf jeden Fall ist es damit beschlossene Sache, dass ich mit muss. Lieber wäre ich ja hier geblieben, hätte mich in den Hinterhof gesetzt und ein bisschen geträumt, vielleicht, nein wahrscheinlich, davon, wieder zu Hause zu sein.

So aber klettere ich eine Viertelstunde später hinter Großmama die Holzplanke herunter. Erstaunlich, wie sicher und leichtfüßig sich die alte Frau über das schmale Brett bewegt! Unten angekommen ist sie aber doch außer Puste. "Geschafft!", keucht sie und streicht eine vorwitzige Haarsträhne zurück unter das Kopftuch. "Weißt du, mit jedem Tag fällt es mir ein bisschen schwerer hier herunter zu kommen." Obwohl es schon später Vormittag ist, sind die Straßen erstaunlich leer. Nur die Streuner und der Melonenverkäufer von gestern bewegen sich durch die schattigen Gassen. Diese beschauliche Ruhe ändert sich aber, je näher wir dem Zentrum Adanas kommen. Touristen, zu erkennen an den kurzen Hosen und schwarzen Kästen um den Hals, bummeln durch die Straßen. Als ich Großmama nach den Kästen frage, lacht sie. "Das sind Fotoapparate", erklärt sie. "Damit machen die Leute Fotos von Adana. Das sieht dann aus wie ein Gemälde, auf dem auch nach Jahren noch alles genauso aussieht wie jetzt im Moment." Ich staune und schaue ehrfürchtig auf die kleinen Kästen. Darin soll ein richtiger Maler sitzen?

5.

Kurze Zeit später kommen wir am Hamam an. Großmama verhandelt mit einer etwas rundlichen Frau auf Türkisch. Sie sprechen so schnell, dass ich fast nichts verstehen kann. Dann nickt sie mir zu und bedeutet mir zu folgen. Wir betreten ein Haus mit einer riesigen Kuppel, wie ich sie nur aus Moscheen kenne. In einem Raum mit einer kleinen Holzpritsche und einer einfachen Ablage lässt uns die Frau allein. Sie wirft uns noch je ein rotkariertes Leinenhandtuch zu und verschwindet dann. "Zieh dich aus!", befiehlt Großmama und beginnt sich ebenfalls zu entkleiden. Geschickt wickelt sie dann das Handtuch um ihren nackten Körper. Sieht einfach aus, ist es aber nicht, wie ich bald feststellen muss. Kopfschüttelnd über die Tatsache, dass ich mir noch nicht einmal ein Handtuch umwickeln kann, hilft Großmama mir schließlich. Dann verlassen wir die Kabine. Die rundliche Frau von vorhin ist plötzlich wieder neben uns und weist uns den Weg. Vor einer schweren Holztür bleiben wir stehen. Die Frau sagt etwas zu Großmama und wir müssen Holzpantinen anziehen. Meine sind viel zu groß. Doch als ich mich bei Großmama darüber beschwere, sagt sie nur: "An deiner Stelle würde ich die Schuhe anlassen, es ist ziemlich heiß da drinnen." Also füge ich mich meinem Schicksal und wanke hinter Großmama und der Frau her, die jetzt die Tür geöffnet hat. Modrige, feuchtwarme Kräuterluft schlägt uns entgegen. Für einen Moment ringe ich nach Atem. Über uns befindet sich die riesige Kuppel, die ich schon von außen gesehen habe. Sie wird von weißen Steinsäulen gestützt. "Das ist echter Marmor", flüstert mir Großmama zu. In der Mitte des Saales plätschert ein Springbrunnen vor sich hin. An den Wänden sind kleine Wasserbecken angebracht, in die einige Frauen in schnellem Rhythmus kleine Metallbecher tauchen und sich den Inhalt über den Kopf schütten. Die Luft erinnert an einen gewittrigen Hochsommertag. Überall tropft, plätschert, sprudelt, rauscht es. Ich komme mir vor wie in einem riesigen Höhlenlabyrinth. "Du darfst zuerst", sagt Großmama da und zieht mich zurück in die Realität. "Ich warte hier auf dich." Ich nicke und folge der Frau, die eilig auf eine andere Tür zugeht.

Wir betreten einen neuen Raum. Die Frau bedeutet mir, mich hinzulegen, kniet sich neben mich und beginnt mich mit schäumender Olivenseife einzureiben. Dann greift sie nach meiner linken Hand, hebt den Arm in die Höhe, lässt meine Fingerknöchel knacken, massiert, knetet, schüttelt und wiederholt dann das ganze auf der rechten Seite. Jetzt wendet sie sich meinem Körper zu, massiert mich mit harten, aber durchaus wohltuenden Griffen. Ich schlingere über den glatten Marmor, mir kommt das ganze inzwischen mehr wie ein Ringkampf als wie eine Massage vor. Als die Tortur nach einer guten halben Stunde beendet ist, wird mir nur noch schwarz vor Augen. Die Frau nimmt mich an der Hand und führt mich zu einer der Sitzbanknischen. Schlaff und ermattet falle ich in die Ecke. Wie sehr sehne ich mich jetzt nach einem kalten Bergfluss! Die rundliche Frau scheint meine Gedanken gelesen zu haben, denn schon bringt sie einen Eimer mit eiskaltem Wasser, das sie mir über den Kopf schüttet. Tut das gut! War es das jetzt? Offenbar nicht. Nicht ohne Skepsis betrachte ich den kratzbürstigen Handschuh, mit dem die Frau mir nun jeden Millimeter Haut abrubbelt. Hinterher komme ich mir vor wie ein Reptil nach der Häutung. Und endlich ist die Marter zuende! Als ich neben Großmama auf den Boden sinke, schaffe ich es gerade noch auf ihre Frage, wie es mir gefallen habe zu antworten, bevor ich wegsacke.

Weil Großmama auf dem Rückweg noch einige Einkäufe erledigen musste, ist es früher Abend bis wir an Alis Haus ankommen. Als wir durch die Türöffnung klettern, riecht es schon nach Abendessen. "Na, da kommen wir ja genau richtig!", meint Großmama gutgelaunt. Ich dagegen habe ein etwas schlechtes Gewissen, weil ich Mutter und Boran nicht geholfen habe.

Es gibt Brot und Humus, dass sind gekochte und pürierte Kichererbsen. Vater ist inzwischen auch wieder zurück und scheint erfolgreich gewesen zu sein. Jedenfalls hat er blendende Laune. Er zaubert sogar eine Flasche Raki, Anisschnaps, hervor und die Erwachsenen trinken "Auf unser neues Leben" wie Vater feierlich sagt. Dann erzählt er stolz: "Ich habe einen Überreiseplatz auf einem Schiff für übermorgen. Morgen werde ich zum Basar gehen, um den Schmuck zu verkaufen. Wenn alles glatt läuft, sind wir bald in Europa!"

6.

An meinem zweiten Morgen in Adana wache ich zeitig auf, vielleicht auch deshalb, weil ich mich am Abend zuvor früh verzogen habe. Ich wollte mir nicht mit anhören, wie Vater von einem Leben in Europa schwärmt. Europa klingt fremd für mich, fremd und bedrohlich. Europa klingt nach lauten, stinkenden Autos, nach Frauen, die ihre Gesichter und sogar ihre Beine unzüchtig zeigen, nach lauter Dingen, die mir Angst machen. Wieso kann das hier nicht einfach nur ein Ausflug sein, wieso können wir nicht zurückkehren zu unserem Hof? Ich seufze. Irgendwie beginnen die Morgen in Adana immer mit tiefsinnigen Gedanken. Im Nebenraum höre ich Vater und Ali leise verhandeln, sie wollen uns wohl nicht wecken. Jetzt öffnet sich die Zwischentür - ja, das ist eine richtige Tür, nicht nur ein Loch in der Wand - und die beiden treten herein. Leise versuchen sie sich an der Wand bis zur Türöffnung entlang zu tasten. "Vater, ich bin schon wach!" Die beiden Männer zucken zusammen. "Mein Gott, hast du uns erschreckt!", sagt Vater vorwurfsvoll. "Tut mir leid" antworte ich höflich und frage dann: "Wohin geht ihr?" "Zum Basar" entgegnet Ali, "euren Schmuck verkaufen, damit ihr die Reise nach Europa bezahlen könnt." Schon wieder dieses Wort! Ich reiße mich zusammen, trübsinnige Gedanken bringen mich auch nicht weiter. "Kann ich mitkommen?", bitte ich stattdessen. Einen Basar gab es bei uns in der Kreisstadt auch. Jeden Samstag bauten dort fliegende Händler ihre Stände auf und die Bauern aus den umliegenden Dörfern, manchmal auch wir, boten ihre Tiere zum Verkauf an. Vater zögert kurz, schaut Ali fragend an. Der zuckt mit den Schultern. "Von mir aus", meint er und fährt zu mir gewandt fort: "Es kann aber lange dauern, bis wir einen Händler gefunden haben, der den Schmuck nimmt. Du musst geduldig sein."

Als wir am Basar ankommen, merke ich sofort, dass ich ihn nicht mit dem Basar vergleichen kann, den ich kenne. Alles ist anders in dieser Stadt. Vor uns liegt ein riesiges, überdachtes Gebäude mit zahlreichen kleinen Kuppeln. "Das soll ein Basar sein?", erkundige ich mich vorsichtshalber. Ali nickt. "In den meisten türkischen Großstädten gibt es gedeckte Basare. Der berühmteste ist der Kapali Carsi in Istanbul. Aber auch hier in Adana zahlen Menschen aus dem ganzen Land Spitzenpreise für Teppiche, Porzellan - und natürlich Schmuck." Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: "Man kann hier aber auch ganz normale Dinge wie Lebensmittel kaufen. Und jetzt sollten wir hineingehen."

Also lassen wir uns von dem Menschenstrom mitreißen, der in den Basar drängt. Ich sehe Türkinnen mit Kopftüchern, die ihre Einkäufe auf dem Kopf tragen, aber auch bleiche Touristen, kleine Männer mit schlitzförmigen Augen und einige Menschen, deren Haut beinah schokoladenbraun gefärbt ist. Es ist so voll, dass ich richtig aufpassen muss, um Vater und Ali nicht aus den Augen zu verlieren. Doch Ali bahnt sich energisch seinen Weg durch die Menschenmassen ohne auch nur einmal zu zögern. Geschickt weicht er den Lastträgern aus, die sich tiefgebeugt und hochbeladen mit dem Ruf "destur!", Achtung, Platz verschaffen. Schließlich scheint er an seinem Ziel angekommen zu sein. "Hier sind wir, bei den Schmuckhändlern.", sagt er. Er bedeutet mir, mich in eine Ecke zu setzen, während Vater und er zu verschiedenen Händlern gehen. Und ich sitze da und warte. Schon nach einer halben Stunde wünsche ich mir, ich wäre in Alis Haus geblieben. Langweiliger könnte es da auch nicht sein! Aber nun, ich bin ja selber Schuld. Ich lehne mich an die rauhe Mauer, schließe die Augen und stelle mir vor, ich würde an dem festen Stamm des Mandelbaums lehnen. Vor meinem Auge läuft alles wie ein Film ab. Ich sehe die unendliche Weite der anatolischen Berge, die Schafe, die überall in den Wiesen weiden, Hêlîn und Darya, wie sie mit den anderen Kindern des Dorfes spielen, die getigerte Katze, wie sie in der Sonne liegt und wohlig schnurrt,...

"Tenya?" Erschrocken schlage ich die Augen auf. Vater beugt sich über mich. Wo bin ich? Eben war ich doch noch zu Hause, spürte die Sonne auf meinen Schultern und einen leichten Windhauch, der über mein Gesicht strich. Und jetzt? Ich sehe Händler, die ihre Waren zusammenpacken. Einige schließen schon die Türen ihrer Geschäfte. Der Basar. Die Mauer, an die ich mich gelehnt habe. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Mühsam rappele ich mich hoch. "Wie spät ist es?", frage ich und gähne. "Gleich sechs Uhr am Spätnachmittag", höre ich Alis Stimme hinter mir. Ich fahre herum. Puh, hat der mich erschreckt! "Komm schon, wir müssen zurück", drängt Vater, "morgen haben wir einen anstrengenden Tag vor uns." "Wieso?", will ich wissen, aber eigentlich kenne ich die Antwort schon. "Morgen brechen wir auf, nach Iskenderun und von dort aus nach Europa." Europa. Endgültig. Es gibt kein Zurück mehr.

7.

An diesem Abend passiert nicht mehr viel. Wir packen unsere Sachen zusammen und gehen pünktlich zu Bett, damit wir Morgen früh fit sind. Morgen früh, wenn es losgeht.

Einige Stunden und eine unruhige Nacht weiter heißt es aufbrechen. Als Großmama mich in den Arm nimmt und mir viel Glück wünscht, muss ich schlucken, um nicht loszuheulen. Komisch, dass einem ein Mensch in so kurzer Zeit so sehr ans Herz wachsen kann. Gerade einmal zwei Tage ist es her, dass wir mit Gepäck beladen die Holzplanke herauf geklettert sind, die wir jetzt zum letzten Mal herabsteigen, allerdings mit etwas weniger Besitz. Irgendwie kommt mir die Zeit, die wir bei Ali, Boran und Großmama verbracht haben, viel, viel länger vor. Und jetzt heißt es schon wieder Abschied nehmen, auf in ein neues Abenteuer.

Das Abenteuer beginnt 20 Kilometer hinter Adana, als der Bus, in den wir uns am Busbahnhof gequetscht haben, eine Reifenpanne hat. Der Fahrer flucht, steigt aus und hat natürlich keinen Ersatzreifen dabei. Typisch! Also macht er sich auf den Weg zur nächsten Stadt, während wir im brühend heißen Fahrzeug warten müssen. Nach einer Dreiviertelstunde wird es Mutter zuviel. "Ich steig jetzt aus, ich lass mich doch hier nicht braten!", sagt sie entschlossen und drängt sich durch den überfüllten Innenraum. Vater versucht erst noch, sie aufzuhalten, sieht jedoch schnell ein, dass es sinnlos ist und folgt ihr, Hêlîn, Darya und mich im Schlepptau. Aufatmend stehen wir im hellen Licht der Mittagssonne. Vater wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. "Wann geht es weiter?", quengelt Hêlîn. Mutter zuckt müde die Schultern. "Das wird wohl noch dauern", meint sie, "wer weiß, wo das nächste Dorf liegt."

Es ist schon früher Nachmittag, als der Busfahrer endlich zurückkommt. Wenigstens ist er erfolgreich gewesen und rollt einen neuen Reifen vor sich her. "Geht schnell.", sagt er und behält Recht. Trotzdem haben wir viel Zeit verloren. Vater flucht. Bis wir in Iskenderun angekommen sind, wird es schon spät in der Nacht sein und wir müssen uns beeilen, damit das Schiff nach Europa nicht ohne uns abfährt.

Gott sei Dank schaffen wir es dann aber doch noch rechtzeitig. Es ist kurz vor Mitternacht, als wir aus dem Bus steigen. Vater schafft es, ein Sammeltaxi anzuhalten und ruft dem Fahrer zu: "Zum Hafen, bitte!" Doch wir müssen Geduld haben. Die anderen Fahrgäste, eine weitere Familie und ein junger Mann, sind vor uns an der Reihe. Nachdem wir bestimmt eine Stunde durch die verwinkelten Straßen der Stadt kutschiert worden sind, hält das Taxi am Meer. "Hafen.", sagt der Fahrer auf holprigem kurdisch, "hier Schiffe." Es ist uns wohl wirklich leicht anzusehen, weshalb wir hier sind. In Iskenderun scheinen kurdische Flüchtlinge zum Alltag zu gehören.

8.

Wenig später haben wir unser Schiff gefunden. Still und trotz seiner Größe beinah unscheinbar, liegt der große Dampfer im Hafen. Riesig ist das Schiff, viel, viel größer als die kleinen Boote, die wir Kinder früher im Nachbardorf beobachteten. Es sieht leer aus, doch wenn man genau hinschaut, sieht man ab und zu einige bepackte Gestalten den Steg hinauf huschen.

Misstrauisch treten wir näher. Selbst meinen Eltern ist dieses riesige Dampfschiff nicht ganz geheuer. Wie ein Monster, ein Drache sieht es aus. Aber wir haben schon so viel Neues gesehen in den letzten Tagen, dass wir inzwischen einiges gewöhnt sind. Außerdem können wir ja nicht so kurz vor dem Ziel aufgeben! Also steigen wir schließlich doch den Steg hinauf. Vor dem Eingang zum Schiff steht ein Mann in einem schwarzen Mantel und mit einem ebenso dunklen Tuch vor dem Gesicht. Nur die Augen sind unbedeckt. "Haben Sie eine Berechtigung zur Mitfahrt?", fragt er und lässt sich ein Blatt Papier von Vater zeigen. Dann nickt er kurz und winkt einen anderen, ebenfalls vermummten Mann heran. Dieser führt uns zu unserem Aufenthaltsort für die nächsten Tage. Wir müssen unter Deck des Dampfers, wo es schon recht voll ist. Ich schaue mich um. Türkische Frauen, Pfeife rauchende Männer und schreiende Kinder überall. Bestimmt 500 Menschen. Und immer noch ist kein Ende in Sicht, immer noch drängen dutzende Leute in den Bauch des Schiffes. Vater hat ein kleines Eckchen erkämpft, auf dem wir unseren Kelim ausbreiten und uns etwas hinsetzen können. Es dauert noch eine knappe Stunde, bis der Dampfer ablegt. Inzwischen sind so viele Menschen unter Deck, dass man kaum noch die Beine ausstrecken kann, geschweige sich hinlegen. So zu schlafen fällt natürlich schwer und ich kann noch stundenlang nicht einschlafen. Wieder einmal beneide ich Darya um seinen unerschütterlichen Schlaf.

Morgens beim Aufwachen muss ich überlegen, wo ich mich befinde. Es schaukelt irgendwie komisch und es ist immer noch dunkel. Der Geruch, der in der Luft liegt, ist eigenartig, es riecht nach vielen Menschen auf engem Raum. Viele Menschen... Plötzlich fällt es mir wieder ein: Das Schiff nach Europa!

Die anderen sind auch schon wach und unterhalten sich leise. "Hast du einigermaßen gut geschlafen?", erkundigt sich Mutter. Ich nicke, um sie nicht zu beunruhigen und frage dann: "Wo kann ich denn hier aufs Klo gehen?" Vater schaut auf. "Na ja," druckst er herum, "ich fürchte, hier gibt es keine Toilette." "Keine Toilette?" Entsetzt schaue ich mich um. Kein Wunder, dass es so seltsam riecht! "Wo soll ich denn dann hingehen? Ich muss dringend!", sage ich verzweifelt. Mutter zeigt seufzend auf eine Ecke auf der anderen Seite des Schiffs. "Dort sind die anderen auch gegangen", sagt sie.

So unangenehm, wie diese Schiffsreise begonnen hat, geht sie auch weiter. Es ist schrecklich langweilig unter Deck und je länger wir unterwegs sind, desto unangenehmer riecht es. Zu Essen gibt es auch nichts Gescheites. Die Besatzung wirft ab und an Wasserflaschen aus Plastik und Metalldosen mit fertigem Essen nach unten. Obwohl es nicht schmeckt, gibt es jedes Mal einen Kampf darum, denn es reicht nie für alle. An Deck dürfen wir ebenfalls nicht, kein einziges Mal. Als einige Männer eine Meuterei anzetteln wollen, droht der Kapitän damit, jeden über Bord zu werfen, der nicht im Laderaum bleibt.

Doch irgendwann hat auch diese Tortur ein Ende. Eines Morgens, das heißt, ich vermute es ist ein Morgen, denn das Zeitgefühl habe ich in dem dunklen Schiffsrumpf längst verloren, geht das Gerücht herum, wir wären bald da. Plötzlich erhellen sich die Gesichter und selbst die kleinen Kinder verstehen die Botschaft: die Qual hat ein Ende! Mutter und Vater reden aufgeregt durcheinander und selbst Hêlîn, die in den letzten Tagen starkes Fieber bekommen hat, kann wieder lächeln, wenn auch nur ganz schwach. Ich kann es kaum glauben. Land in Sicht. Europa. Komisch, auf einmal freue ich mich auf Europa. Na ja, wahrscheinlich wäre mir alles recht, um dieser Hölle zu entkommen!

Einige Stunden später ist es dann wirklich soweit. Ein paar Matrosen, schwarz vermummt wie die restliche Mannschaft, kommen zu uns Flüchtlingen herunter, um uns mitzuteilen, wir sollen uns bereit halten für die Ankunft in Europa, genauer gesagt Frankreich. So hektisch wie jetzt war es während der ganzen Reise noch nicht. Auf einmal suchen alle ihre Sachen zusammen, ihre Kelims, Pfeifen, Kleider, ihr ganzes Hab und Gut. Auch Vater, Mutter, Hêlîn, Darya und ich stehen schon bald fertig da. Nach einer weiteren Stunde hält das Schiff und die Mannschaft bedeutet uns auszusteigen. "Wir sind jetzt an der Côte d'Azur.", sagt der Kapitän, "jetzt müsst ihr euch alleine durchschlagen." Alleine durchschlagen. Das ist doch genau das, was wir schon machen, seit wir von zu Hause aufgebrochen sind: uns alleine durchschlagen. Aber bis jetzt haben wir noch alle Schwierigkeiten überwunden und ich bin sicher, dass wir es auch in Zukunft schaffen werden. Sicher, ich vermisse unseren kleinen Hof immer noch sehr und sehne mich oft dorthin zurück, aber ich glaube, dass ich jetzt, nachdem ich soviel von der Welt gesehen habe, mit der kleinen Welt zu Hause nicht mehr zufrieden wäre. Ich bin bereit für ein neues Leben in einer neuen Welt. Ich bin bereit für Europa.