Projekte > Schreibwettbewerb 2004 > 1. Platz 15 bis 18 Jahre

"Sprache der Knochen" von Meike Blatzheim (18 Jahre)

Draußen regnete es schon seit Tagen. Missmutig starrte ich aus dem Fenster, kaute auf einem zähen Brötchen herum, das vom gestrigen Abend übrig geblieben war. In langen Fäden fiel das Wasser vom Himmel. Und das sollte ein Sommer sein! Wie jeden Morgen betrachtete ich das Haus von Frau Parker gegenüber. Verlassen stand es da. Die Rollladen waren halb heruntergelassen, der Vorgarten verwilderte langsam. Kurz nach meinen Einzug vor zwei Jahren war die alte Dame verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Von heute auf morgen war sie weg gewesen, ohne eine Reise anzukündigen, ohne einen Brief oder sonst eine Mitteilung zu hinterlassen. Auch wenn die Polizei damals nichts gefunden hatte, gingen inzwischen alle von einem Verbrechen aus. Eigentlich glaubte niemand der Nachbarn mehr daran, dass die etwas schusselige, aber sonst noch erstaunlich agile Elisabeth Parker jemals zurückkehren würde. Doch ihre Enkel klammerten sich an die letzten Strohhalme und wollten das Haus nach wie vor nicht verkaufen. Ein Jammer um das alte Bauernhaus, wie es allmählich verkam! Und noch ein größerer Jammer, was der armen Frau Parker wiederfahren war! Ich seufzte und löste mich vom Fenster. Wohl oder übel musste ich raus in dieses Sauwetter! Zeit, um zur Arbeit zu fahren...

Als ich wenig später auf den Parkplatz des Tierheims einbog, war der Platz noch gähnend leer. Mal wieder war ich die erste - wie immer, seit ich die Leitung des Tierheims in der kleinen niederrheinischen Stadt übernommen hatte. Schon am Eingangstor hörte ich das freudige Bellen der Hunde. Sie kannten mein Auto inzwischen und das Motorengeräusch war das Zeichen dafür, dass es gleich Frühstück geben würde. Doch dazu kam es an diesem Tag vorerst nicht.

Das erste, was ich nach Aufschließen des schmiedeeisernen Tors sah, lenkte mich gründlich von solch banalen Dingen wie der Fütterung ab. Der Zaun des vorderen Außenzwingers war trotz Einbetonierung vollkommen untergraben. Das Loch war bestimmt zwei Meter tief. Von den vier Hunden, die hier normalerweise lebten, fehlte jede Spur. Ringo, der Schnauzermischling! Der Rüde buddelte ständig was das Zeug hielt - der Grund für seine Unterbringung im neusten, sichersten Zwinger. Ich rannte auf das Außengehege zu, um festzustellen, ob sich die Hunde vielleicht im hinteren Teil befanden. Dann sah ich ihn. Etwas Helles auf der feuchten Erde im Loch. Länglich und von leicht gelblicher Farbe. Ein Knochen! Mir wurde schwindelig - selbst aus der Entfernung war ich mir sicher, dass dieser Knochen zu groß für den Knochen eines heimischen Wildtieres war. Und die Hunde hier bekamen keine Knochen - zu groß war das Risiko, dass sie sich daran, oder beim Kampf um den größten Bissen, verletzten. Ich zwang mich näher heran, blickte in die Grube, in der sich allmählich das Regenwasser sammelte. Auch ohne große Medizinkenntnisse glaubte ich, einen menschlichen Oberschenkelknochen zu erkennen. Etwas morsch sah er aus, abgenutzt wie... ja, wie der Knochen eines älteren Menschen! Frau Parker! Mein Schwindel verstärkte sich. Hatte tatsächlich jemand die alte Frau ermordet und ihre Leiche auf dem Tierheimgelände vergraben? Oh mein Gott! Die ausgebrochenen Hunde waren vergessen. Ich stürzte zum Verwaltungsgebäude, um die Polizei zu informieren. "Hallo? Hier ist die Leiterin des städtischen Tierheims, Veronika Bornholm. Können Sie bitte rauskommen? Ich... wir... hier ist eine Leiche... die Hunde... haben sie ausgegraben!" "Bleiben Sie ganz ruhig", sagte der Polizeibeamte am anderen Ende, aber seine Aufregung war ihm deutlich anzumerken. Normalerweise kümmerte er sich wahrscheinlich um betrunkene Randalierer auf Schützenfesten. "Wir kommen sofort zu Ihnen, ich werde auch die Spurensicherung informieren. Das Tierheim, sagten Sie?" Ich vergaß für einen Moment, dass er mich nicht sehen konnte und nickte. Dann merkte ich meinen Fehler und sagte rasch: "Ja, das ist richtig." "Rühren Sie nichts an, bis wir da sind." "Ich warte im Verwaltungsgebäude. Bis gleich." Mit dem Telefonhörer in der Hand blieb ich im dämmrigen Raum stehen. Die Neonröhren knackten aufdringlich laut. An der schmutzigen Fensterscheibe perlten die Regentropfen ab, unablässig.

Das laute Heulen der Polizeisirene riss mich zehn Minuten später aus meiner Apathie. Das durchdringende Geräusch, das Flackern des Blaulichts durch den Regen, erinnerte mich an die unzähligen Fernsehkrimis, die ich in meinem Leben gesehen hatte. Ich trat den beiden Polizisten entgegen, die auf den Verwaltungstrakt zusteuerten und dabei vergeblich versuchten, die Pfützen auf dem schlammigen Weg zu umgehen. "Gott sei Dank, dass Sie da sind", stammelte ich immer noch vollkommen durcheinander. "Die Knochen dort", ich zeigte in Richtung des Zwingers, "meine Nachbarin... sie ist seit Monaten verschwunden... vielleicht hat jemand...?" "Zeigen Sie uns erst mal den Toten", sagte der ältere Beamte, ein großer, bärtiger Mann, der Ruhe ausstrahlte. Langsam ging ich voraus zum Käfig, erzwang jeden Schritt, der mich näher zu diesem Ort des Grauens führte. Ich wollte nicht wieder dorthin, dorthin, wo ich einem schrecklichen Verbrechen ins Gesicht blicken musste. Dennoch standen wir nach endlosen Minuten an der Grube. Die beiden Polizisten nickten mir zu und öffneten die Zwingertür. Der jüngere Mann rutschte vorsichtig auf der nassen Erde herab. Als er vor dem Knochen kniete, betrachtete er ihn minutenlang mit bewegungsloser Miene. Dann bemerkte ich verwirrt ein Zucken in seinem Gesicht und schließlich platzte das Lachen aus ihm heraus. "Das darf doch nicht wahr sein!", japste er, "Heinz-Gerd, komm runter und sieh dir das an!" Der zweite Polizist zögerte, wollte wohl verhindern, dass Beweismittel vernichtet wurden. "Na komm schon!" Der Beamte in der Grube hielt sich den Bauch vor Lachen. Widerwillig rutschte nun auch der Ältere in den Graben hinab und betrachtete stirnrunzelnd den Fund. "Nein", kicherte er nach einer Weile, "das darf doch nicht wahr sein!" Vollkommen verwirrt stand ich vor dem feinen Maschendrahtzaun. Ein bizarres Bild, das sich mir bot: Da hockten die Hüter des Gesetzes in ihren Uniformen auf der nassen Erde, ihre Füße bis zu den Knöcheln im Schlamm versunken vor einem Menschenknochen, der auf einen schauerlichen Mord hinwies, und lachten. Hatten sie vollkommen den Verstand verloren? Der junge Beamte hatte sich wieder halbwegs gefangen: "Wussten Sie nicht, dass hier früher einmal ein Friedhof war?" "Ein Friedhof" Er nickte und gluckste erneut los. "Ihr Knochen... der Mord", er brach ab und schüttelte sich vor Lachen, "der Knochen ist wahrscheinlich über hundert Jahre alt und der Mensch, zu dem er gehört, wird auf natürlich Art und Weise gestorben sein." Kein Mord? Dieser Knochen war einfach nur liegen geblieben, nachdem der Friedhof geräumt worden war? Die Röte stieg mir ins Gesicht. "Das... das wusste ich nicht", stammelte ich. Die Sache war mir furchtbar peinlich - aber wie hätte ich das wissen sollen? Schließlich wohnte ich nicht einmal zwei Jahre in dieser Gegend und für die regionale Geschichte hatte ich mich nie sonderlich erwärmen lassen. "Vergessen Sie's", der ältere Polizist wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln, "das bleibt unter uns. Und den Knochen nehmen wir mit - vielleicht haben die vom Heimatmuseum Interesse!" Die Beamten packten den Knochen in eine Plastiktüte, kletterten schnaufend aus der Grube nach oben und stiefelten nach einem bedauernden Blick auf ihre völlig verschlammte Kleidung auf ihren Dienstwagen zu. "Machen Sie's gut!", sagte der ältere Mann und gab mir die Hand. "Und wenn Sie das nächste Mal einen alten Knochen auf Ihrem Gelände finden, rufen Sie doch bitte gleich beim Museum an!" Der junge Beamte prustete schon wieder los und startete den Wagen. Als das Polizeiauto langsam vom Hof rollte, schaute ich ihm fassungslos hinterher. So etwas war mir auch noch nicht passiert! Doch schließlich riss ich mich los und machte ich mich auf, die Hunde zu suchen.