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"Mariana und die vergessenen Träume" von Anna Louisa Duckwitz (15 Jahre)

 

Kapitel I

Wenn Mariana die Augen schließt, kann sie es heute noch sehen. Fühlen.
Sie sieht die Sonne, die wie ein roter Feuerball am Horizont versinkt, und das Land in ein nicht unfreundliches Dunkel übergehen lässt. Sie fühlt die Kühle des Windes leicht über ihre Haut streichen und schmeckt das Salz auf den Lippen.
Aber wenn sie die Augen wieder öffnet, ist da nichts mehr. Schon so lange versucht sie, es wiederzufinden. Aber je länger, je intensiver sie sucht, desto weiter rückt alles von ihr weg.

Sie erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie Portugal verlassen hat. Sie war damals fünf Jahre alt gewesen und hatte am Flughafen gestanden, die Hand ihrer Mutter Filipa fest umklammert. „Warum kommt papai nicht mit?“, hatte sie gefragt und Filipa hatte mit ihrer dunklen, melodischen Stimme, in der Unsicherheit mitschwang, geantwortet: „Es geht nicht, minha menina, es geht nicht. Aber wir werden das schon schaffen. Du bist schließlich schon ein großes Mädchen, oder, anjinho?“ Und Mariana hatte so heftig genickt, dass ihr die dunklen Locken in ihr schmales Gesicht fielen und so die Tränen verdeckten, die ihr über die gebräunten Wangen flossen. Sie weinte, obwohl sie damals noch nicht begriff, dass sie Portugal und ihren Vater nicht wiedersehen würde. Obwohl sie damals noch nicht begriff, dass ihre Eltern nicht mehr zusammenleben würden, nie mehr. Sie wusste nicht, was „Trennung“ oder „Scheidung“ bedeutet. Es war alles gut gewesen, bis ihr Vater plötzlich immer seltener nach Hause kam und wenn er da war, schickte Filipa ihre Tochter aufs Zimmer, aber Mariana hörte aufgrund der dünnen Wände ihrer Wohnung in Faro, wie sie stritten. Und dann saß sie ganz still auf ihrem Bett und wartete, den Hasen Tiago fest im Arm.
Während dieser Zeit hatte sie aufgehört zu träumen. Sie hatte oft geträumt und diese Träume waren immer so real gewesen, als wären sie Wirklichkeit. Mariana liebte die Nacht dafür. Für eine Fünfjährige hatte sie immer sehr lebendige Träume gehabt, aber diese endeten so abrupt wie die Ehe ihrer Eltern. Innerhalb eines Monates waren die beiden geschieden und Filipa, die starke, schöne Filipa, nahm als Flucht vor den Erinnerungen eine Stellung in einem Reisebüro in Deutschland an und nahm ihre Tochter mit.
Mariana lernte die deutsche Sprache schnell, aber die anderen Kinder in der Tagesstätte mochten das kleine Mädchen mit den langen schwarzen Locken nicht. Sie sei ihnen unheimlich, wehrten sie sich, wenn die Erzieherin fragte, warum sie Mariana nicht mitspielen ließen. Und so saß Mariana die meiste Zeit mit dem Hasen Tiago in einer Ecke, baute Luftschlösser und wartete geduldig, dass Filipa sie abholen würde.
Aber sie träumte nie wieder.
Wenn ihre Mutter sie fragte, wie ihr Hamburg gefiele, wie ihr die Wohnung, die Tagesstätte, später die Grundschule und das Gymnasium gefielen, hatte sie immer geantwortet, ja, es wäre alles schön. Und im Geheimen hatte sie sich immer nach Portugal gesehnt, nach dem langen Sandstrand von Faro, dem Meer, dem Sonnenuntergang und der Sprache.
Seit sie in Deutschland waren, hatten sie kein Portugiesisch mehr gesprochen, bis auf die Kleinigkeiten, die Kosewörter und in ganz seltenen Fällen, wenn sie über Zuhause sprachen.

Mariana klappt ihr Mathebuch zu und schiebt es in ihre ausgefranste Umhängetasche, die ihre Mutter ihr genäht hat. Die Glocke läutet und sie steht auf. Um sie herum verabschieden sich Freundinnen von einander, verabreden sich oder verlassen gemeinsam den Klassenraum. Diese Sache hatte sich in den 10 Jahren, die sie jetzt schon in Deutschland lebte, nicht geändert. Sie ist immer noch eine Einzelgängerin, unsichtbar, eine Träumerin mit krausem schwarzen Haar, braunen Augen und einer Brille, die sie allerdings nur zum Lesen oder Schreiben aufsetzt. Für ihre 15 Jahre und für eine Portugiesin ist sie groß mit ihren 1,77m und schlank. Sie verlässt den Klassenraum und wünscht sich wie jeden Tag, irgendjemand würde es bemerken und „Tschüss, Mariana, bis morgen!“, rufen und wie jeden Tag wird ihr der Wunsch nicht erfüllt.
Sie holt ihren MP3-Player aus der Jeanstasche und schiebt die Stöpsel in die Ohren. „Verdammt!“, flucht sie laut, als sie feststellt, dass der Akku leer ist, „Mist!“ Wütend stopft sie das Gerät zurück in die Tasche und stampft der Flur entlang. Sie verlässt das Gymnasium und nimmt die Straßenbahn nach Hause, in die Marktstraße im Karoviertel.
Sie steigt in Höhe der Reeperbahn aus und läuft das restliche Stück.
 Ich muss  unbedingt für Mathe lernen , denkt sie und zieht die Schultern hoch, Wenn ich die Arbeit nächste Woche verhaue, bin ich dran. Und Deutsch.... Ich hasse Gedichte! Ich komme einfach nicht damit klar, aber ich muss, wenn ich mich jetzt genügend bemühe dann....- „Pass doch auf, wo du hinläufst!!!“, hört Mariana eine Stimme, als sie direkt in den Jungen hineinläuft. „Verdammt, kannst du nicht aufpassen!!“- „ich... es tut mir Leid“, stottert sie, als der Junge auf den leicht vereisten Boden ausrutscht und beinahe hinfällt.
„Ich hab dich nicht gesehen, ich-“
„Kein Kunststück, wenn man die Augen am Boden festklebt!“, schimpft der andere und klopft seine Jacke ab.
„Alles okay? Da- da ist noch etwas Schnee...“, Mariana greift nach dem Ärmel des Jungen und entfernt etwas Eis.
„Jaja, schon gut, lass mal, ich kann das auch alleine“, murrt der Typ, aber seine Stimme klingt schon viel versöhnlicher. „He“, sagt er dann, „ich kenn dich doch!“
Mariana hebt den Kopf und sieht ihn ungläubig an. Dieser Junge will sie kennen?
„Doch“, er nickt und lächelt sogar leicht, „du gehst doch in die 10ten  auf dem Gymnasium da am Kaiser- Friedrich- Ufer, oder?“ Sie nickt vorsichtig. Erst jetzt fällt ihr auf, dass der Typ eigentlich recht gut aussieht. Das schwarze Haar ist lockig und fällt ihm etwas zu lang in die hohe Stirn und seine blauen Augen funkeln. Er ist ungefähr so groß wie sie und trägt verblichene Jeans und eine braune Lederjacke. „Woher weißt du das?“, fragt sie. Er fährt sich mit einer Hand durchs Haar. „Ich bin in der 12ten und hab dich ein paar Mal in den Pausen allein im Gang stehen sehen.“ Mariana versucht, sein Lächeln zu erwidern.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragt er jetzt.
„Mariana“, antwortet sie leise.
Überraschung blitzt in seinen blauen Bergsee- Augen auf. „Das ist Portugiesisch, oder?“
Überrumpelt starrt Mariana ihn an. „Woher weißt du das?“
Er schüttelt den Kopf und die Locken fallen wieder in sein Gesicht. „Nicht wichtig. Okay, Mariana, da du mich schon umgerannt hast, finde ich, solltest du mich zur Entschädigung auf einen Kaffee einladen. Es ist saukalt heute, nicht?“
Sie nickt und sagt dann hastig: „Hör mal... Ich würd dich ja einladen- aber ich- ich hab kein Geld dabei und...“ verlegen verstummt sie. Sie weiß selbst nicht, warum, aber sie hat ein merkwürdiges Gefühl in der Gegenwart des Jungen, das sie irgendwie erschreckt.
Der Dunkelhaarige mustert sie aufmerksam, dann zuckt er die Schultern. „Wie du willst, schon gut. War vielleicht etwas voreilig von mir. Na gut, dann sehen wir uns bestimmt noch mal irgendwann. Adeus, Mariana.“ Damit dreht er sich um und geht.
Wie betäubt bleibt Mariana stehen. Die Stimme des Jungen hallt in ihrem Kopf wieder.
„Adeus, Mariana.... Adeus, Mariana.... Adeus, Mariana.....“
„Adeus“, sagt sie laut und ein paar Leute drehen sich verwundert zu ihr um. Sie lächelt, als sie spürt, wie leicht ihr das Wort über die Lippen gekommen war.
Erst später fällt ihr ein, dass sie seinen Namen nicht kennt.

Kapitel II

Die nächsten Tage kann Mariana den Fremden nirgendwo finden. Sie bekommt ihn nicht mehr aus ihrem Kopf, er erfüllt ihre Gedanken. Sie sucht ihn in der Schule, auf dem Nachhauseweg- aber er bleibt verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben, als wäre er Marianas Phantasie entsprungen. Sie versucht, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen, versucht sich auf Mathematik und die bevorstehende Arbeit zu konzentrieren, aber sein Bild schleicht sich immer wieder in ihr Gedächtnis.
An einem eiskalten Freitag, fast zwei Wochen nach ihrer ersten Begegnung, steht er auf einmal vor ihr, als sie zum Einkaufen in die Innenstadt fahren will.
„Hey, Mariana“, sagt er und erschreckt sie so sehr, dass ihr ihr Portemonnaie aus der Hand rutscht und zu Boden fällt. Er bückt sich und hebt es auf. „Hier“, seine Stimme klingt melodisch, dunkel und ein wenig heiser. „Danke.“
Sie stehen voreinander und er fragt: „Sag mal, hast du gerade Zeit?“
Mariana spielt mit dem Saum ihrer grünen Jacke. „Naja- ich muss einkaufen, aber...“
-„Ich will dir was zeigen.“
-„Das ist nett von dir, aber ich muss wirklich...“
-„Mariana!“, er packt ihren Unterarm und sieht sie durchdringend an. Etwas an seiner Art ihren Namen auszusprechen, lässt sie stutzig werden.
 „In Ordnung“, sie schiebt das Portemonnaie in die hintere Jeanstasche und streicht sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht, „was machen wir?“ Er grinst breit. „Komm mit.“
An der Reeperbahn kauft er zwei Tickets und sie steigen in die Straßenbahn zum Hafen.
Als sie nebeneinander auf den harten Bänken sitzen, starrt der Junge auf den bekritzelten Sitzrücken vor ihnen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben mustert er die Sprüche.
„Julius war hier am 12.09.06“- „Timo, I love You“- „Du bist, wen du isst“...
„Hör mal-“ Mariana sieht ihn von der Seite an und stößt ihn leicht an.
-„Ja?“
-„Wie heißt du eigentlich?“
Er schweigt und Mariana überlegt, warum er es ihr nicht sagt. Sie will gerade nachhaken, da antwortet er kurz: „Nenn mich Solo.“
-„Solo? Das ist aber nicht dein richtiger Name, oder?“
-„Nein. Das ist eine Abkürzung aus meinem Nachnamen.“
-„Und wie--“
„Wir müssen hier raus, Mariana.“
Solo steht auf und schiebt sie zum Ausgang. Mariana merkt instinktiv, dass er nicht darüber reden will und obwohl sie neugierig ist, schweigt sie. Solos Augen waren gerade fast grau gewesen und sie fragt sich, warum sie sich plötzlich so traurig gefühlt hat.
Sie folgt ihm die Straße entlang und auf einmal ruft er: „Da sind wir!“
Mariana bleibt wie erstarrt stehen. „Solo, das....“
Er sieht sie ruhig an. „Komm, Mariana, ich lade dich ein.“
Sie stehen vor einem kleinen, portugiesischen Geschäft.
Mariana schüttelt den Kopf. „Danke, Solo, ich weiß das zu schätzen, aber ich möchte wirklich nicht....“
-„Klar möchtest du. Und ich auch. Lass uns reingehen, okay?“ Er wirft ihr einen Blick zu und öffnet die Tür. Mit wackeligen Beinen betritt Mariana zum ersten Mal seit 10 Jahren ein portugiesisches Geschäft. Als sie in dem kleinen Raum steht und die Luft erfüllt ist von dem süßen Geruch der Pasteis Nata , einer Spezialität aus kleinen Blätterteig- Törtchen mit Vanillepudding, möchte sie umkehren, nach Hause in die Marktstraße, in ihr Zimmer und alles vergessen, aber Solo steht hinter ihr, legt eine Hand auf ihre Schulter und schiebt sie vorwärts. „Komm schon, du kannst das, Mariana“, flüstert er und dann steht sie vor der Theke. Die Frau dahinter blickt auf und ihre Augen erfassen sofort die Tatsache, dass vor ihr eine Portugiesin steht. „Sim?“, fragt sie freundlich und Mariana steigen Tränen in die Augen. Sie fühlt sich wie in einem Traum, einen Traum, wie sie ihn noch nie geträumt hatte, auch nicht damals, als sie noch nicht vergessen hatte, wie man träumt. Der Klang der Stimme der Verkäuferin erinnert sie an den ihrer Mutter, wenn sie portugiesisch miteinander gesprochen hatten.
„Ich-“, sagt sie leise und fühlt Solos Hand auf ihrer Schulter. „Eu.... gostaria... dois pastais nata, faz favor. E... dois galaõ... e tudo...“  Die Frau nickt. „D’accordo, menina.“
Als Mariana aufsieht, begegnet ihr Solos Blick. Er lächelt und in seinen Augen scheint sich das Meer zu spiegeln. Sie setzten sich an einen kleinen Ecktisch und lauschen der portugiesischen Musik, die aus dem Radio dringt, während die Frau den galaõ, Milchkaffee, zubereitet. Erst als die beiden Teller mit dem Gebäck und die dampfenden Kaffeetassen vor ihnen stehen, bricht Mariana das Schweigen. „Woher weißt du es?“, fragt sie und rührt in ihrer Tasse. Solo hebt die Schultern. „Ich habe dich gesehen, wie du immer alleine rumstehst und habe überlegt, warum du immer so traurig guckst. Dann hab ich ein paar Leute aus deiner Klasse angesprochen, aber die haben nur gesagt, dass du irgendwie merkwürdig bist. Und ich habe mir gedacht, dann muss es halt mit etwas anderem zutun haben. Und als du gesagt hast, dass du Mariana heißt, wurde mir klar, dass es mit... -mit deiner Herkunft zutun haben muss. Aber- jetzt, wo wir hier sind, erzählst du mir, was es ist?“
Mariana senkt den Kopf. „Ich bin unsichtbar“, antwortet sie, „wie kann es sein, dass du mich sehen kannst?“
Solo beugt sich vor und erwidert: „Mariana, guck mich an, ja?“
Sie sieht hoch, schafft es aber nicht, seinem Blick standzuhalten.
-„Warum solltest du unsichtbar sein?“
Sie lächelte, aber das Lächeln erreicht ihre Augen nicht. „Es ist ganz merkwürdig. Seit ich hier bin, spricht man nur in äußersten Notfällen mit mir, seit ich fünf bin, sagen sie alle , ich wäre seltsam.“ Solo schüttelt den Kopf. „Warum?“, fragt er, aber Mariana geht nicht auf seine Frage ein. „Soll ich dir etwas ganz Seltsames erzählen? Den eigentlichen Grund?“
Solo sieht sie erwartungsvoll an und sie schluckt. „Ich träume nicht mehr“, ihre Stimme zittert. Er runzelt die Stirn. „Was meinst du damit?“
-„Ich habe seit 10 Jahren nicht mehr geträumt, Solo. Früher, da hatte ich jede Nacht einen Traum und ich habe die Träume geliebt, sie waren meine Freunde. Und seit der Scheidung meiner Eltern, seit wir in Deutschland sind, habe ich—nie mehr etwas geträumt. Ich habe sozusagen vergessen, wie das geht.“
Als sie Solos leicht verwirrten Blick sieht, merkt sie, dass sie einen Fehler gemacht hat. Sie hat noch nie jemandem die Geschichte mit den Träumen erzählt und sie weiß, warum. Wieso hatte sie jetzt.... „Es tut mir leid!“, abrupt schiebt sie den Kaffee von sich weg und steht auf. „Ich muss weg. Tut mir echt leid, ich hab nur... nur Mist erzählt. Vergiss es einfach, ja.“
Solo springt auf, als sie nach ihrer Jacke greift. „Nein, Mariana, versteh mich nicht falsch, bitte...“- „Nein, ist schon gut“, sie setzt ihre grüne Wollmütze auf und sieht ihm kurz in die Augen, deren Blau jetzt beängstigend wirkt, „ich muss los, mamãe macht sich sonst Sorgen, und....“
-„Mariana, faz favor!“, Solos Stimme hat einen anderen Klang, eine andere Färbung angenommen, er fasst nach ihrer Hand.
-„Warum...“, sie reißt sich los, „wer BIST du eigentlich, Solo?“
Er hebt beide Hände. „Wie soll ich dir das sagen, wenn du mir nicht zuhörst, Mariana?“
„Ach, lass mich in Ruhe- Solo“, sie spricht seinen Namen so verächtlich aus, dass er zusammenzuckt. Dann läuft sie aus dem Geschäft und nimmt die erste Straßenbahn ins Karoviertel.
Solo versucht nicht, sie zurück zu halten.

Kapitel III

Die nächsten Tage sind die Hölle für Mariana. Sie ertappt sich dabei, dass sie Solo sucht und das einzige, woran sie denken kann, sind seine Worte in dem portugiesischen Café. „Mariana, faz favor!“- <<Warum spricht er Portugiesisch??>>
Sie bekommt ihre Mathearbeit wieder, aber sie kann sich über die Vier Plus nicht richtig freuen.
Einmal glaubt sie, Solos schwarzen Lockenkopf in der Menge zu sehen, aber als sie zu ihm laufen will, ist er verschwunden.
Beim Abendbrot spricht Filipa sie zum ersten Mal auf ihr merkwürdiges Verhalten an:
„Mariana, Engel, was hast du?“
Marianas Blick bohrt sich in die geblümte Tischdecke, ihre Hände verkrampfen sich. „Warum tust du das, mamãe?“, bringt sie mühsam heraus.
-„Was tue ich, Schatz?“
-„Warum sagst du nie anjinho zu mir?“
Filipa wird nervös. „Aber, Engel, ich...“
„Da!“, ruft Mariana und steht auf, „schon wieder! Früher hast du immer anjinho gesagt! Und heute sagst du nie mehr auch nur ein einziges portugiesisches Wort! Sogar Tiago ist nur noch „der Hase“. Warum, mamãe???“
„Setz dich hin, Mariana, sofort.“
-„Nein, ich setze mich nicht mehr hin. Weißt du was? Ich TRÄUME nicht mehr, verstehst du das?? Und ihr seid schuld, du und papai“
„Dein Vater hat...“
„Não me incommode!!“,  schreit Mariana und stürzt aus dem Raum. Sie schnappt sich ihr Jacke und rennt aus der Wohnung, immer weiter.
Irgendwann steigt sie in eine Straßenbahn und plötzlich findet sie sich selbst  am Hafen wieder. Auf einmal spürt sie den Drang, das Verlangen nach etwas, was sie verloren geglaubt hatte und ihre Füße tragen sie wie von selbst.
Sie zögert noch einmal kurz, dann nimmt sie die letzten Schritte im Laufen und betritt das portugiesische Café. „Olá“, grüßt sie kurz, aber als sie sieht, wer da an einem Tisch sitzt, erstarrt sie.
Solo springt auf und läuft ihr entgegen. „Mariana! Bitte, wir müssen reden!“
„Ich wüsste nicht, worüber“, erwidert Mariana bissig, aber Solo greift nur nach ihren Händen und zieht sie an den Tisch.
„Ich- muss dir was erklären“, sagt er und setzt sich ihr gegenüber, „äh- möchtest du was trinken?“
Kopfschütteln.
Er seufzt und sieht aus dem Fenster. „Ich- habe dir nie meinen Namen gesagt, nicht?“, er sieht sie nicht an, sondern spricht schnell weiter.
„Das hat einen guten Grund, alles hat einen Grund.“
Mariana runzelt die Stirn. Solo wendet plötzlich den Kopf und blickt sie gerade und offen an. Wieder bemerkt sie die Färbung des Meeres in seinen Augen und sie begreift. Begreift, woher dieses Gefühl kam, das sie hatte, als sie ihn zum ersten Mal traf. Begreift, warum er Portugiesisch spricht. Begreift, warum ihr seine Aussprache so bekannt vorkommt. Es verschlägt ihr die Sprache. Warum war es ihr nicht aufgefallen?
„Du bist...“
Er nickt und seufzt wieder. „Ich heiße João Soliari. Ich bin auch Portugiese.“
Mariana schüttelt den Kopf. „Aber, Solo, ich meine, João,...“
„Ich lebe seit sechs Jahren in Deutschland, seit wir aus Lagos weggegangen sind, weil mein Vater arbeitslos geworden ist und auswandern wollte. Es ist alles ganz gut gelaufen, aber es gab niemanden, mit dem ich immer richtig super gut auskam. Die Leute respektieren mich, redeten mit mir, wir treffen uns zum Fußballspielen, aber es gibt niemanden, bei dem ich von Anfang an gesagt habe: Wow, super. Da stimmt alles! Ich bin ein Einzelgänger und ich war zufrieden. Deshalb auch mein Spitzname. Solo. Der Einsiedler. Mein Vater hat mich mal so genannt, seitdem haftet der Name an mir. Und dann...Ich habe dich in der Schule gesehen und irgendwie habe ich dich nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Aber ich wusste nicht, wie ich dich ansprechen soll. Und dann hast du mich ja einfach umgerannt. Ich war so glücklich, als ich merkte, dass du auch aus Portugal kommst. Aber als ich in deine Augen gesehen habe, merkte ich, dass dich irgend etwas total bedrückt und ich wollte wissen, was es ist. Ich habe lange darüber nachgedacht und irgendwann dachte ich, dass es mit deiner.. mit unserer Herkunft zu tun haben muss. Eines Tages bin ich dir auf deinem Heimweg nachgegangen. Und als ich vor eurem Haus stand, kam deine Mutter heraus. Ich... ich habe ihr alles erzählt. Das ich immer an dich denken musste und dass ich auch Portugiese bin. Und dann hat sie mir alles erzählt. Von eurem Zuhause. Von deinem vater und von der Scheidung. Wir haben lange geredet.
Deshalb wollte ich nicht, dass du sofort merkst, dass ich auch aus Portugal komme, weil... weil.... ach, ich wollte nicht, dass du mich abweist, weil du vergessen willst, was passiert ist und-“
„Aber, das will ich doch überhaupt nicht“, flüstert Mariana.
Solo sieht sie an.
„Alles, was ich möchte, ist, meine Träume wiederzufinden. Und irgendwann zurück nach Portugal zu können. Vielleicht nicht für immer, aber solange bis ich weiß, wer ich bin, und wo ich meine Träume zurückgelassen habe.“
Er greift vorsichtig nach ihrer Hand und sagt: „Wenn du möchtest, dann würde ich dir so gerne helfen sie wiederzufinden, Mariana.“
Mariana lächelt. „Ja, aber: Wie kannst du mir helfen?“
Solo schweigt kurz. „Mir würde da schon was einfallen, anjinho.“, sagt er dann leise.
Und als er sie küsst, fühlt sich Mariana das erste Mal, als wäre sie Zuhause, sie sieht die Sonne, spürt den kühlen Wind und schmeckt das Salz auf Joãos Lippen.

Kapitel IV

Es ist Frühling, als João Soliari den Anruf  bekommt.
„Solo!!!“
„Anjinho, porque....?“
„Solo, ich habe geträumt, Solo!!“
João lächelt.
Als sie sich später im Hafen treffen, denkt er, dass er nie vergessen wird, wie Mariana an diesem Tag ausgesehen hat. Sie rennt in der Abendsonne auf ihn zu, mit dem alten Hasen Tiago im Arm und ihr Gesicht leuchtet wie nie zuvor.
Sie hatte von Portugal geträumt und sie weiß, dass sie irgendwann dorthin zurückkehren wird.
An der Seite von Solo, von João Soliari.
Und zusammen mit ihren Träumen.