"Diese Lüge der ganzen Welt" von Hannah Schepers (19 Jahre)
"Erneut Fusion von deutschem und amerikanischem Unternehmen, was bringt die Zukunft für die Beschäftigten? Die Chefetage sieht mit ihrem Vorgehen einen Schritt zur Vollendung von Schillers Traum einer gerechten Globalisierung! Werbekampagne auf Basis von Schillers "Ode an die Freude" gestartet."Wieder konnte er nur mit dem Kopf schütteln, als er die Zeilen in der Tageszeitung las. Lange Jahre übte er diese Arbeit nun schon aus. Sie war wenig anspruchsvoll, doch sie reichte, um ihm die vielen Stunden des Rentnerdaseins zu erleichtern und ihm einen akzeptablen Lebensstandard zu gewährleisten. Von sieben bis sechs Uhr saß er jeden Tag in der Loge vor dem Parkplatz des großen Konzernes, in den tagtäglich Hunderte von Beschäftigten strömten. Oder geströmt waren, denn wie die Zukunft so vieler Angestellter aussah, konnte angesichts der heutigen Ereignisse niemand voraussehen. Viel hatte er in seinem Leben erreicht, erlebt, gesehen, doch dieses Ereignis stellte auch für ihn etwas gänzlich Neues und Bedrohliches dar. In der Zeit seiner Beschäftigung hatte er zu vielen der Angestellten eine besondere Beziehung aufgebaut. Ihre Sorgen, Probleme hatten sie ihm anvertraut und manchmal waren es auch nur ein paar nette Worte gewesen. Wenn er nun daran dachte, dass viele von ihnen bald nicht mehr jeden Abend und Morgen an ihm vorbei zur Arbeit und wieder zurück gehen würden, überkam ihn ein Gefühl der Trauer und Wut. Trauer um jedes der Schicksale, Wut auf die Skrupellosigkeit und Machtgier der Wirtschaft. Er wurde durch ein ihm zugerufenes ,,guten Morgen" in seinen Grübeleien unterbrochen. Blickte auf, grüßte zurück. Verfiel aber schnell wieder in seine Gedankengänge, die ihn den gesamten Tag über begleiten sollten. Hin und her wendete er die Fakten, mal völlig rational, dann wieder höchst emotional darüber nachsinnend. Wieder und wieder blickte er dabei in den Himmel. Er war doch so weit, er bot doch für alle ein Dach, ein und dasselbe Dach. Warum konnten die Menschen nicht auch auf einer Erde, gerecht, miteinander leben und umgehen?
Gegen 18 Uhr sah er einen Angestellten das Hauptgebäude verlassen. Oft hatte er sich mit diesem unterhalten, kannte seine Geschichte. Direkt hinter ihm sah er einen der höheren Bediensteten das Gebäude verlassen. Zur gleichen Zeit waren die beiden aus der Tür getreten. Jedoch nicht miteinander, sondern hintereinander. Eigentlich nichts besonderes, bei so verschiedenen Positionen. Bei den Beiden aber vielleicht schon. Im gleichen Jahr hatten sie mit dem gleichen Abschluss die Schule verlassen. Zufällig hatten sie sogar die Selbe besucht, waren Freunde gewesen. Nach zehn Jahren hatten sich ihre Wege wieder gekreuzt, nur hatten sie nun grundverschiedene Leben. Beide hatten ihre Position gefunden, gleichwertig, auch wenn der Eine in einem Büro auf einer höheren Etage arbeitete als der Andere. Der Eine trug einen Aktenkoffer aus einem Ledermodengeschäft der Extraklasse mit sich, der Andere eine aus dem Sonderangebot einer großen Kaufhauskette. Zwei Jahre hatten sie für die selben Ziele gekämpft, zwar auf unterschiedlichen Stockwerken, hatten aber doch an einem Strang gezogen. War dies heute der letzte Tag auf diese Weise gewesen? Der Pförtner hoffte es nicht, befürchtete es aber. Mehr als drei Mal waren sich die beiden in den letzten Jahren nicht begegnet. Das hatte ihm der Eine erzählt. Vielleicht war es besser so gewesen, verliefen doch die Treffen kurz, flüchtig. Eigentlich waren sie nur aneinander vorbei gelaufen, ohne Gruß, trotz des Erkennens.
Auch wenn sich ihre Lebensläufe bis hierhin so verschieden entwickelt hatten, gingen sie doch durch das selbe Tor hinaus in die Welt ohne Arbeit. An ihm vorbei, jeden Abend. Er betrachtete die beiden. Keiner hatte heute Zeit oder die Ruhe für ein Gespräch mit ihm, der Tag war ein zu großer Einschnitt gewesen. Für beide. Die nächsten Monate würden Veränderungen mit sich bringen, den Grundstein dafür hatten sie heute gelegt. Beide bangten um ihre Zukunft, das hatten sie ihm in den letzten Tagen anvertraut. Doch beide hatten heute gute Miene zum bösen Spiel gemacht.
Wie ähnlich sie sich doch noch waren, trotz der unterschiedlichen Stellungen, der unterschiedlichen Leben. Beide hatten auf der Hauptversammlung applaudiert. Beide hatten diesen schrecklichen Anstecker an der Anzugsjacke getragen, wie es vom Vorstand gewünscht gewesen war. ,,Gewünscht" hieß in diesem Fall Pflicht. Für die Presse, für das Fernsehen, für die Öffentlichkeit hatten sie ihn getragen. Auf ihm prangte der Spruch, der schon heute als Schlagzeile in allen Zeitungen zu lesen gewesen war. Schiller. Der Spruch, der den Pförtner so geärgert hatte. Mit dessen Beschäftigung er den größten Teil des Tages verbracht hatte. Die Belegschaft sollte Gemeinsamkeit, Einheit, Solidarität zeigen. Von der Sekretärin bis zur Chefetage. Realistisch betrachtet der reinste Hohn. Einigkeit, wenn in den nächsten Monaten die Hälfte der Angestellten arbeitslos sein würde. Gemeinschaft, wenn der Konkurrenzdruck immer weiter zunähme. Solidarität, wenn die obere Riege kleiner und reicher, die breite Basis schwächer und ärmer sein würde.
Als der Pförtner nun in das Gesicht des Angestellten blickte, sah er Verzweiflung. Nun versuchte er nicht mehr, sie zu überspielen, wie er es den ganzen Tag über getan hatte. Wie sehr hatte er sich am Vortag über die Werbekampagne, den Spruch auf dem Anstecker geärgert. Doch an diesem Tag hatte er wie alle anderen auch eine Maske aufgesetzt. Sie hatten sich nicht gewehrt, hatten nicht protestiert. Sie hatten gelächelt und applaudiert. Aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Gestern hatte der Mann ihm seine Situation am Beispiel eines Schauspielers dargestellt. Es komme ihm so vor, als lerne er Worte aus einem Drehbuch auswendig, wie ein Darsteller eines Bühnenstückes. Der einzige Unterschied sei, dass die Schauspieler standhafter agierten, sich in ihre Personen einfühlen konnten. Sein Schauspiel sei das der Lüge und Schönfärberei. Wie vielen seiner Kollegen würde er in Zukunft noch vertrauen können, wie viele Worte würden ernst gemeint sein, in dem Kampf ums Überleben? Er wusste es nicht, wusste nur, das vieles eine Lüge sein würde.
Das Wort "Lüge" hatte den Pförtner geschockt. Lüge hatte er bis zu diesem Zeitpunkt eher mit dem Mann in Verbindung gebracht, der nach dem anderen das Gebäude verlassen hatte, der aus den oberen Etagen. Als er diesem nun ins Gesicht blickte, sah er einen ähnlichen Ausdruck der Unsicherheit wie bei dem Vorherigen. Mitleid konnte er mit diesem jedoch nur schwerlich empfinden. Von ihm kam die Idee zu der Werbekampagne. Er hatte vorsätzlich Lügen in die Welt gesetzt, ihm gönnte er ein schlechtes Gewissen. Die gesamte Aussagekraft der Kampagne war unwahr gewesen. Eine Anmaßung. Der Pförtner hatte sich geweigert, ein Plakat in seiner Loge aufzuhängen. In einem Gespräch mit dem Schöpfer hatte er ihm dies klar und deutlich gesagt. Er pflegte eine gute, vertrauliche Beziehung zu diesem. Er hoffte, der Mann würde daraus lernen. Es war noch nicht zu spät für ihn. Noch konnte er sich aus der Schiene des rationalen Wirtschaftens befreien, konnte als ehrlicher Mensch seine Arbeit verrichten. Doch die Kampagne war ein erster Schritt in die falsche Richtung gewesen. Er hatte sich wie seine Mitstreiter auf ein Parkett gewagt, auf dem der Mensch nicht zählte. Einzig das äußere Bild, der Gewinn stellte hier den Beweggrund für Pirouetten und dergleichen dar. Der Mann hatte ihm erzählt, er hätte nicht anders gekonnt. Er hätte um seine Position, seine Zukunft gebangt. Außerdem würde den Menschen der Name des zitierten Autors, Schiller, als Schlagwort reichen. Denken würde heute niemand mehr. Ob er das wirklich glaube, ob er den Menschen keine Denkprozesse mehr zutraue, hatte der Pförtner ihn gefragt. Doch, hatte der Mann nach einem Zögern gesagt, aber nicht vielen. Einen Klassiker, noch dazu von einem so berühmten Autor, als Zugpferd für die Übernahme zu nehmen, würde bei vielen aber glaubwürdig wirken. Sie würden vertrauen ohne nachzudenken Der Pförtner konnte das nicht nachvollziehen.
Dabei war die Grundidee ein Blickfang gewesen, wenn sie ins Gegenteil gewendet worden wäre. Die Worte aus Schillers "Ode an die Freude" erreichten trotz ihren 200 Jahren noch so viele Menschen. Und waren sie nicht heute aktueller als damals? Hätten wir nicht heute die Möglichkeit, Schillers Aufforderung nachzukommen? ,,Seid umschlungen, Millionen", wie einfach wäre dies heute zu verwirklichen. Die technischen Grundbedingungen besitzen wir doch, Internet, Funk, Telefon. Mehr Hilfsmittel können uns nicht zur Verfügung gestellt werden. Wie leicht wäre es, die Weite des Himmels zu nutzen, um eine gemeinsame Erde unter einem gemeinsamen Himmel zu erschaffen? Doch jetzt, wo wir theoretisch alle Brüder sein könnten, spüren wir einzig Angst. Angst vor den Aktionen der Menschen, die von Egoismus und Rücksichtslosigkeit getrieben werden. Wieder ruft der Pförtner sich den Spruch der Werbekampagne ins Gedächtnis. Die Fusion des deutschen und amerikanischen Unternehemens helfe demnach, Schillers Wunsch in die Realität umzusetzen. Ironie in sich, eingedenk der grausamen Folgen für die Angestellten.
Eher schien sich ein Bund der Unfreiheit, Ungleichheit und Unbrüderlichkeit gebildet zu haben, Schillers Wunsch ist heute noch immer ein Traum, der nicht von dieser Welt stammt. Ist der Himmel vielleicht noch immer zu weit für uns, die wir nur ein kleines Stück des Himmels sehen? Nehmen wir nicht nur die Wolken wahr, die direkt über unseren Köpfen vorbeiziehen, nicht mehr? Schiller forderte eine Erde der Gemeinschaft, nicht einen Globus der Wirtschaftsbeziehungen. Und wie sollen die Menschen auf der ganzen Welt Brüder werden, wenn nicht einmal ehemalige Schulfreunde mehr miteinander reden, nur weil der Eine eine höhere berufliche Stellung innehat als der Andere?