"Nachtfahrt" von Janina Schulze
Du steigst ins Auto. Bäume rauschen an dir vorbei. Ihre Stämme markieren den Weg, doch du siehst sie nur als Schatten.Schnell willst du fahren, den Fahrtwind genießen. Er soll dein Haar zausen, mit den Locken spielen und sie dir aus dem Gesicht wischen.
Klare Sicht willst du heute Nacht haben. Deine Augen kämpfen gegen den kühlen Wind und Tränen zeichnen dir glitzernde Bäche auf die Wangen.
Heute Nacht soll dir keine Brille den Blick verfälschen, du willst alles sehen, wie es ist. Die Sternen am Nachthimmel leuchten sanft. Sie zeigen dir, dass es noch mehr gibt, als du siehst. Hinter dem ersten Stern steht ein zweiter und hinter diesem wieder einer. Niemand kann sie alle zählen und du willst es auch gar nicht. Du blickst hinauf und siehst ein endloses Sternenmeer. Es gibt kein Ende mehr, keine Schranke, die dich bremst und dir sagt: "Bis hierhin und nicht weiter!"
Du bist frei und die kühle Nachtluft umschmeichelt dich. Sie lässt deine Haut kribbeln und streift flüchtig an dir vorbei.
Flucht, denkst du. Für einige Stunden fliehst du vor allen Erwartungen und versuchst deine Träume ein Stückchen Wirklichkeit werden zu lassen. Die Nacht ist dein Freund und er Mond ist dein Zeuge. Du wirst ein Traumtäter und deine Phantasie übernimmt in der stillen Dunkelheit das Kommando. Trotz der schnellen Fahrt ist dir warm, denn du scheinst von innen zu glühen. Eine Flamme, die sich nicht löschen lässt, sondern fordert. Sie fordert Geschwindigkeit und bezahlt mit dem Gefühl von Freiheit. Für kurze Zeit bist du allein auf der Welt. Dann zeigt dir die nächste Ortschaft das Ende der Illusion und du bremst ab. Als du schließlich aussteigst, ist dein Nacken steif.