"Herbststurm" von Liesa-Maria Nagel (18 Jahre)
>>Es ist fast Herbst auf dem zehnten Planeten unseres Sonnensystems. Wie jedes Jahr wird der erste Herbsttag mit einem rauschendem Fest begonnen. Ein Jeder will dorthin und an den Feierlichkeiten teilhaben. So auch Myrrah, ein Katzenmädchen, und ihre beste Freundin Era, ein Echsenmensch. Auch wenn ihre Mutter es ihr verboten hatte, macht sich Myrrah zusammen mit Era auf den Weg zum Herbstfest - doch sollen diesen Herbst besonders gefährliche Stürme das Land heimsuchen... <<
~Freunde~
Ein
kräftiger, kühler Wind wehte durch die bunten Kronen der Bäume. Überall
tanzte farbiges Laub umher. Das Gras war verdörrt und in der Luft lag
der Geruch von Regen.
Die kleine Siedlung an der Biegung des
Flusses lag still da und nur aus ein paar der Schornsteine stieg eine
dünne, weiße Rauchsäule auf. Durch die schmalen Fensterscharten
schimmerte der warme Hauch von Feuer. Die niedrigen Eingänge der aus
Lehm, Stroh und Erdreich erbauten Hütten waren mit schweren, dunklen
Vorhängen verhängt, die den Wind abhielten. Aus einem der Bauten
hallten aufgeregte Stimmen...
"Nein, das kommt gar nicht in Frage!!" keifte eine wütende
Frauenstimme, "Die Herbsttürme beginnen bald! Es wäre glatter
Selbstmord jetzt noch zu versuchen in die Stadt zu gelangen! HAST DU
MICH VERSTANDEN, MYRRAH? !!" Myrrah nickte nur stumm und zog den Kopf
zwischen die Schultern. Das ihre Mutter aber auch immer so Fauchen
musste... Mit eng angelegten Katzenohren zischte sie sie an. Ihr
buschiger, graugetigerter Schwanz huschte unruhig hinter ihr hin und
her. "Ja, Mama..." erwiderte Myrrah leise und spielte kleinlaut an
ihren kleinen, nadelspitzen Krallen herum. Ihre Mutter richtete sich
wieder gerade auf und lächelte zu ihr herunter. "Es ist einfach zu
gefährlich, Myrrah!" sagte sie noch einmal und wuschelte ihr durch das
Haar. "Ja, Mama!" brummte Myrrah noch einmal und zog den Kopf unter
ihrer Hand weg. Ihre Mutter lächelte sie kurz leicht vorwurfsvoll an
und verschwand dann in der kleinen Nische, die vom Wohnraum abzweigte
und als Kochstelle diente.
Murrend stand Myrrah auf und ging hinaus vor die Tür. Niemand sonst war
auf der Strasse. Klar, es war ja auch ziemlich windig und es roch
bereits nach Regen. Sie setzte sich auf die kleine, hölzerne Bank neben
ihrer Hütte und sah in den düsteren, mit schweren, grauen Wolken
verhangenen Himmel hinauf. Sie seufzte. Ja, es würde bald regnen und
stürmen und gewittern... Aber das war doch kein Grund! Die Stadt war
nicht mal einen Tag Wanderschaft entfernt. Und sie wollte doch so gerne
wieder auf dem alljährlichen Herbstfest dabei sein! Sie liebte es durch
die mit bunten Fähnchen geschmückten Gassen und Strassen zu laufen und
dabei all den fröhlichen, gutgelaunten Leuten zu begegnen. Überall
bekam man dann köstliches Essen - soviel man wollte!! Es wurden Wein
und Saft verteilt und an jeder Ecke, in jedem Fenster, hinter jeder
offenen Tür wurde gefeiert und getanzt. Wieder seufzte Myrrah leise. Es
musste doch einen Weg geben dorthin zu kommen und wie jedes Jahr an
diesem herrlichen Fest teilzunehmen!!! Sie stützte den Kopf auf die
Hand und begann nachzudenken...
Plötzlich drang ein schrilles, hohes Pfeifen an ihre empfindlichen
Katzenohren. Sie zog erschrocken den Kopf zwischen die Schultern und
sah sich nach dem Geräusch um. Da sah sie auch schon Era, ihre beste
Freundin den Weg hinunter jagen. Fröhlich rufend kam sie auf sie zu;
den grüngeschuppten Körper nass vom Wasser des Flusses, durch den sie
gerade gerannt war. "Myrrah!!!" rief Era ihr schon von weitem zu.
"Myrrah! Myrrah!" Atemlos hielt das Echsenmädchen vor ihr an. "Du wirst
es nicht glauben! Meine Eltern haben mir erlaubt zum Fest zu gehen!"
Knurrend ließ Myrrah die Schultern hängen. "Hallo Era...." murrte sie
und verschränkte die Arme. Era richtete sich gerade auf und sah sie
fragend aus ihren gelben Augen an. "Ah... Ich nehme an, deine Mutter
hat es dir verboten...?" Myrrah nickte nur. "Ja... Sie meinte, es sei
zu gefährlich..." Era lächelte sie mitfühlend an. Dann aber würde ihr
Blick plötzlich nachdenklich, bis sie sich zu ihr hinunter beugte und
ihr mit ihrer gespaltenen Zunge ins Ohr zischte: "Und was wäre, wenn
wir einfach gehen?" Myrrah sah ihre Freundin erschrocken an. "Aber...
!! Aber das geht doch nicht! Weißt du was wir für einen Ärger kriegen,
wenn meine Mam das erfährt??!!" "Pssssst!!!!" machte Era scharf und
Myrrah verstummte. Im Flüsterton fuhr Era fort. "Wenn du so schreist,
weiß sie es eh noch bevor wir es versucht haben! Es ist nur ein
einziger Tag! Du sagst einfach du bist bei mir und stattdessen machen
wir uns auf zum Fest! Was hältst du davon?!" Myrrah überlegte kurz. Das
klang gut... Und sie wollte doch so gerne auf das Fest. "Okay!" rief
Myrrah lächelnd. "Einverstanden!!"
Am
nächsten Morgen also verabschiedete sich Myrrah von ihrer Mutter unter
dem Vorwand zu Era zu wollen. Tatsächlich hatten sich die Beiden
natürlich am Rand des Dorfes verabredet um sich auf den Weg zum Fest zu
machen, dass am frühen Abend beginnen sollte. Wenn sie schnell genug
liefen würden sie gerade rechtzeitig dort sein. Lachend und bester
Laune machten sich das Katzen- und das Echsenmädchen auf den Weg zur
Stadt.
Einer hell gepflasterten Strasse folgend kamen sie gut
voran. Heute schien ausnahmsweise die Sonne durch die sonst immer
lückenlose Wolkendecke. Es war angenehm warm und windstill. Ein paar
Vögel sangen und eine Decke bunter Blätter säumte den Weg links und
rechts von ihnen. Es war wundervoll!
Gegen Mittag dann - die Sonne stand schon sehr hoch am Himmel - hörten
sie plötzlich Stimmen. Laute, krächzende Jungenstimmen. Die Mädchen
sahen sich an. Jungen bedeuteten immer Ärger. Era verdrehte die Augen
und man sah deutlich, wie sich in Myrrahs Nacken die ersten Härchen
aufstellten. Da kamen sie auch schon! Lachend und rufend liefen sie
hinter ihnen den Weg entlang und kaum, dass sie die beiden Mädchen
entdeckt hatten, kamen sie auch auf sie zu. "Na, ihr Zwei?!" krächzte
der kleine, rote Drache, der, die mit fast transparent wirkender Haut
bespannten Flügel, weit ausgebreitet hatte um noch größer zu
erscheinen. Der Andere lachte - schrill und fast schon melodisch.
Gelbgemusterte Federn schmückten seinen Vogelkörper und aus dem kurzen,
spitzen Schnabel drangen unentwegt leise Pfeiftöne. "Wo wollt ihr denn
hin?!" fragte der Drachenjunge wieder. Myrrah verschränkte nur die Arme
und hob den anmutigen Kopf. "Das geht euch gar nichts an!" sagte sie
betont. "Zum Fest!" fiel ihr aber Era ins Wort, woraufhin diese nur
einen wütenden Blick von Myrrah erntete. Der Drache zog die geschuppten
Augenbrauen hoch. "Ah!" machte er und warf seinem Kumpel einen kurzen
Blick zu. "Stellt euch vor - Wir auch!" Wieder lachten die beiden
Jungen lauthals. Myrrah machte nur eine wegwerfende Handbewegung und
stolzierte weiter den Weg hinab. "Wen wundert´s? Heute wollen doch alle
auf das Fest!" Sie winkte Era zu und bedeutete ihr ihr zu folgen. Etwas
verdattert sahen ihnen die beiden Jungen nach. "Ähm.... WARTET!" rief
der Drache ihnen nach und rannte los - gefolgt von dem hüpfenden
Vogeljungen. "Wo wollt ihr denn so schnell hin?" feixte der Drache, "So
schnell kommt ihr mir nicht davon!" "Und wie wir das werden!" fauchte
Myrrah und fuhr warnend ihre Krallen aus. Der Drachenjunge ließ sich
nicht sonderlich beeindrucken und schlug nur mit den Schwingen. Era
drehte sich zu den beiden um. "Wenn ihr auch auf das Fest wollt könnt
ihr ja mit uns kommen!" Sie lächelte den Drachen an, der sie daraufhin
nur sehr verdutzt ansah. Beinah sshon entsetzt fuhr Myrrah herum. "Era!
Spinnst du denn??!!" Era grinste sie nur an. "Ach, Myrrah! Warum sollen
wir denn jetzt alle alleine reisen! Die können uns doch begleiten! Und
wenn wir überfallen werden schicken wir sie vor um uns zu beschützen!
Das ist doch praktisch!!!" Immer noch total verdattert starrte Myrrah
ihre beste Freundin an. Dann ließ sie seufzend den Kopf hängen. "Ich
glaub´s nicht...!" Era grinste immer noch und drehte sich wieder zu den
Jungen um. "Ich bin Era! Und das ist Myrrah! Und wer seid ihr?" fragte
sie die Beiden. Der Drache baute sich demonstrativ zur vollen Größe auf
- obwohl er sogar noch ein Stück kleiner war als Myrrah. "Mein Name ist
Pyro!" Dann wies er mit ausgestreckter Schwinge auf den Vogeljungen
neben sich. "Und das ist Flick!" Flick machte eine knappe Kopfbewegung
und zum Gruß und scharrte verlegen in der Erde. Era lächelte sie an.
"Na gut! Dann wollen wir mal weiter! Stimmt´s, Myrrah?!" Leise brummend
folgte Myrrah den Dreien. Wirklich glücklich war sie nicht damit, diese
beiden Halunken mitzunehmen. Eigentlich hatte sie sich darauf gefreut
mit Era allein zu dem Fest zu gehen. Und jetzt...? Jetzt musste sie
zwei laute, sabbernde Jungs ertragen! Das Leben war ja soooo ungerecht!
Murrend
und leise vor sich her fluchend trottete Myrrah den Anderen nun schon
seit Stunden hinterher. Über ihre Wut und ihr Unglück hatte sie nicht
gemerkt, dass der Himmel sich langsam immer dunkler zuzog. Bis sie
schließlich ein lauter, grollender Donnerschlag aus ihren Gedanken
riss. Nicht nur Myrrah, auch die übrigen Drei, fuhren erschrocken
zusammen und wendeten die Köpfe gen Himmel. Da sahen sie ihr Unheil.
Tiefschwarze, angsteinflößende Gewitterwolken, durch deren wabernde
Massen immer wieder grelle Blitze wie lange dünne Schlangen zuckten.
Das Donnergrollen war so laut, dass es in den Ohren wehtat und schnell
schloss Myrrah wieder zu den Anderen auf. "Myrrah!" rief Era ängstlich
und fiel der Freundin in die Arme. "Era! Beruhig´ dich doch! Es ist nur
ein Gewitter!" Doch Era ließ sich nicht beruhigen. Ängstlich vergrub
sie ihr Gesicht an Myrrahs Brust. Myrrah strich ihr kurz über den Kopf
und sah sich dann nach Pyro und Flick um. Die Beiden standen nur einen
knappen Schritt von ihnen entfernt und starrten ebenfalls voller Angst
in den Augen zum Himmel hinauf. "Pyro!" wandte sich Myrrah an den
Drachen. Pyro wandte den Kopf zu ihr. Immer noch loderte Furcht in
seinem Blick. "Wir müssen einen Unterschlupf finden!" sagte Myrrah zu
ihm. Pyro blinzelte kurz und nickte dann energisch. "Komm Flick!" rief
er und schob seinen Freund vor sich her. Myrrah folgte den Beiden mit
Era im Arm.
Tatsächlich tat sich nur wenige Schritte vor ihnen ein schmaler,
niedriger Spalt in einer Felswand auf. Pyro schob Flick vor sich in die
Höhle und verschwand dann selbst darin. Myrrah beeilte sich den Beiden
zu folgen und schob Era durch den Spalt. Als auch sie selbst sich dann
durch die Öffnung zwängte empfing sie er typisch muffige, feuchte
Geruch einer Höhle. Es war nahezu Dunkel, doch ihre guten Katzenaugen
vermochten immer noch genug zu erkennen. Auch Era hatte keine Probleme
sich hier zurecht zu finden, ebenso Pyro. Flick allerdings sah hier
unten in der Finsternis kaum etwas. Zitternd klammerte er sich an einen
von Pyros Schwingen und folgte ihm auf Schritt und Tritt. "Kommt ihr
Zwei!" rief Pyros Stimme aus der Dunkelheit vor ihnen. Er war schon
weiter gegangen. Scheinbar kannte er die Höhle. Vorsichtig tastete
Myrrah sich voran. Trotz das sie recht gut sehen konnte war der Boden
uneben und steinig und das bisschen Licht, dass von Draußen noch herein
drang wurde mit jedem Schritt weniger. Bald sah nicht einmal mehr
Myrrah den Weg vor sich und war dann ganz auf Pyros Führung angewiesen.
"Pyro, du bist doch ein Drache! Mach´ mal Licht! Spei` Feuer oder so!"
Forderte Myrrah ihn barsch auf. Pyro machte sich nicht mal die Mühe den
Kopf in ihre Richtung zu drehen. In seiner Stimme hörte man deutlich
seine Missachtung, als er ihr antwortete. "Und wie stellst du dir das
vor? Was soll ich denn hier ankokeln? Dich vielleicht?! Ich meine,
Katzenfell brennt bestimmt gut, aber ich bezweifle doch mal ernsthaft,
dass du das willst." Er lachte leise und es klang ziemlich dreckig.
Myrrah fauchte drohend. Dieser vermaledeite kleine Drache! Aber was
sollte sie machen? Sie kannte sich hier nicht aus. Also gab sie murrend
und fluchend klein bei. Era regte sich nun endlich wieder. Sie hob den
Kopf und sah sich um. Bis gerade vor Angst noch wie gelähmt, löste sie
sich nun aus ihrer Erstarrung. "Myrrah...?" fragte sie leise, fast
flüsternd. « Hm ? » machte Myrrah, immer noch verärgert über den
Drachenjungen. "Wo sind wir hier?" fragte Era leise. Myrrah sah sie
kurz an und stolperte dabei über einen kleinen Stein, wobei sie sich
schmerzhaft den Zeh anstieß. "AU! Verdammt!" Fauchte Myrrah wütend und
hielt sich den Fuß. "In einer Höhle, Era! In einer Höhle! Aua!!!" Era
blieb stehen und sah sich um - und sie sah rein gar nichts außer
Schwärze. Vorsichtig tastete sie sich an der feuchten Höhlenwand
entlang. "Pyro? Flick? Seit ihr noch da?" "Ja!" erklang Pyros, leicht
genervt klingende, Antwort ein Stück vor ihnen. Era machte noch ein
Paar Schritte und spürte dann Flicks weiches Gefieder unter ihren
Händen. "Ähm... Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich mich an dir
festhalte, Flick?" fragte sie, leicht beschämt. Flick krächzte nur
leise. "Klar, kein Problem!" Era lächelte dankbar, wenngleich sie
wusste, dass Flick es natürlich nicht sehen konnte. Myrrah schloss,
leicht humpelnd, wieder zu ihnen auf. "Wollen wir weiter?" knurrte sie
leise und trat neben Pyro. Dieser schnaubte nur leise, wobei ein paar
glühende Funken aus seiner Nase stieben, die für einen winzigen
Augenblick einen kaum wahrnehmbaren Hauch von Licht spendeten.
Pyro ging weiter und zog Flick und Era hinter sich her. Myrrah folgte
ihm an seiner Seite und versuchte bestmöglich nicht wieder über einen
Stein zu stolpern. Ihr Zeh tat immer noch ziemlich weh, doch sie gab
sich größte Mühe sich nichts anmerken zu lassen. Mit zusammengebissenen
Zähnen folgte sie Pyro den engen, lichtlosen Tunnel weiter hinab.
Sie liefen schier ewig durch diesen finsteren Gang - so schien es
jedenfalls Myrrah, der mehr und mehr unbehaglich zumute wurde. Es war
erschreckend kalt so tief unter der Erde und es wurde immer kälter.
Dann endlich hielt Pyro an. Er machte sich von Flick und Era los und
ging ein paar Schritte. Dann loderte plötzlich etwas gleißend hell auf
und blendete die Drei, sodass sie die Hände hochrissen und die Augen
zukniffen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sich ihre Augen an das
plötzliche Licht gewöhnt hatten. Blinzelnd ließ Myrrah die Hände sinken
und versuchte etwas zu erkennen. Sie sah Pyro als verschwommenen, roten
Umriss und vor ihm die brennende Lichtquelle. Der Drachenjunge hatte
einen Haufen Holz in Brand gesetzt, der nun Licht und Wärme spendete.
Myrrah atmete erleichtert auf und trat näher an das Feuer heran. Pyro
winkte Flick und Era zu sich und legte sich dann neben das Feuer. Auch
Myrrah ließ sich auf die Knie sinken und sah sich nach Era um. Diese
lag - dicht an Flick gekuschelt - auf der anderen Seite des Feuers.
Myrrah seufzte und schlang die Arme um den Körper. Was war das nur für
eine Reise? Hatte ihre Mutter vielleicht doch recht gehabt und es war
eine dumme Idee gewesen bei dem Wetter in die Stadt zu wollen?
Wahrscheinlich würde es jetzt tagelang so schwer stürmen und gewittern
und sie würden hier unten in dieser muffigen Höhle vergammeln!
Frustriert legte sich Myrrah auf die Seite und bettete den Kopf auf die
Hände. Was war das nur für ein furchtbarer Tag...
Myrrah fühlte die kühle Erde unter sich und das beklemmende Gefühl von
Enge und nicht Atmen können wurde immer unerträglicher. Sie versuchte
die immer näher kommenden Wände zurück zu drängen und dann spürte sie
plötzlich wie sie keine Luft mehr bekam!
Entsetzt und atemlos schreckte Myrrah aus ihrem Alptraum hoch und
setzte sich mit einem Ruck auf. Sie war eingeschlafen, doch irgendetwas
stimmte nicht. Sie brauchte einen längeren Moment um den merkwürdigen
Geschmack auf ihrer Zunge zu bemerken und zu identifizieren. Sand und
Wasser. Aber woher kam der? Da hörte sie es plötzlich Plätschern und
Rauschen. Das Feuer war verloschen und es war wieder stockfinster. Mit
einem entsetzten Aufschrei sprang Myrrah auf die Füße. Sie stand
Knöcheltief im Wasser! Beinah!, dachte sie, Beinah wäre ich ertrunken!
Es hätte nicht mehr viel gefehlt...! Fast sofort fuhr sie herum und
stürzte zu Era rüber, wobei sie allerdings erst einmal über Pyro
stolperte, der sich neben sie gelegt hatte. Ebenso atemlos wie sie
zuvor schreckte Pyro hoch und auch er brauchte einen Moment, bis er die
Situation einordnen konnte. Myrrah fiel neben Era und Flick auf die
Knie und riss die Zwei aus dem Wasser. "Era!!" rief Myrrah voller Angst
um die Freundin. Era öffnete die Augen und holte tief Luft. Dann begann
sie zu Husten und spuckte einiges an Wasser. Auch Flick war aufgewacht
und kam nun ebenfalls wieder zu Atem. Myrrah schloss Era voller Glück
in die Arme - doch nur für einen kurzen Moment, ehe sie erneut
aufsprang und sich nach Pyro umsah. "Pyro! Wir müssen hier raus! Die
ganze Höhle läuft voller Wasser!!" Mittlerweile ging ihr das Wasser
schon bis zu den Knien. Es würde höchstens noch ein paar Minuten
dauern, bevor die ganze Höhle unter Wasser stand! "Stell dir vor, das
weiß ich!" kam Pyros trotzige Antwort nur ein paar Schritte von ihr
entfernt aus der fast totalen Dunkelheit. "Dort drüben ist eine Tunnel.
Da können wir weiter. Zurück können wir nicht. Der Gang durch den wir
gekommen sind steht schon fast gänzlich unter Wasser. Ich habe gerade
nachgesehen." "Aber-!" wollte Myrrah wiedersprechen, doch da packte
Pyro schon ihr Handgelenk und zog sie hinter sich her. Im buchstäblich
allerletzten Augenblick konnte sie Eras Hand ergreifen und sie mit sich
ziehen. Era ihrerseits hatte sich wieder an Flick geklammert und so
ließen sie sich von Pyro in den nächsten Gang zerren. Dieser war noch
niedriger als der Vorige und stand schon halbhoch unter Wasser. Myrrah
drückte ängstlich seine Hand und hoffte inständig, dass der
Drachenjunge wusste, was er tat. Pyro schien es zu wissen. Mit
schnellen Schritten lief er den Gang hinab und er schien als Einziger
hier unten noch etwas sehen zu können. Das Rauschen des Wasser hinter
ihnen wurde immer lauter und drängender. "Ich habe Angst, Myrrah!"
schluchzte Era hinter ihr. "Ich auch, Era..." gab Myrrah zu und biss
sich auf die Unterlippe um den Tränen zu widerstehen. Auch von Flick
hörte man ein leises, seltsam melodisch klingendes Schluchzen. Nur Pyro
schien sich seiner Sache vollkommen sicher zu sein. "Hört auf zu
jammern! Wir dürfen nicht trödeln! Beeilt euch!!!" Er riss noch einmal
stärker an Myrrahs Arm und zwang sie unerbittlich hinter sich her.
Myrrah sah an sich herunter. Bis zur Hüfte stand ihr nun schon das
Wasser und sie kamen immer langsamer voran, obwohl Pyro sie so antrieb.
Plötzlich dann hielt Pyro erschrocken inne und fuhr herum. "Was ist?"
fragte Myrrah ängstlich, als sie spürte, wie sich Pyro anspannte.
"Scheiße..." hörte sie ihn nur Flüstern und dann riss er plötzlich so
heftig an ihrer Hand, dass sie um ein Haar das Gleichgewicht verloren
hätte. Unter einem leise Aufschrei taumelte sie zwei Schritte. "Pyro!"
rief sie, "Was soll das?! Was ist denn?!!" Pyro lief nur noch
schneller, aber das mittlerweile brusthohe Wasser verhinderte ein
Vorankommen fast gänzlich. "Das Wasser!! Da kommt eine Welle!!" rief er
und nun hörte Myrrah die Angst in seiner Stimme deutlich. Sie wandte
den Kopf und sah nur ein leichtes, silbriges, fast sanftes Glitzern,
dass mit einem kaum wahrnehmbaren Rauschen auf sie zukam - und das bis
unter die Decke reichte. Myrrah blieb vor Schreck fast das Herz stehen.
Doch Zeit sich zu fürchten ließ ihr Pyro nicht. Unerbittlich zog er die
Drei hinter sich her. "Schneller!!!" brüllte er durch das näherkommende
Rauschen. Myrrah versuchte schneller zu laufen und auf Era und Flick
gaben sich größte Mühe und wandten ihr letztes Bisschen Kraft auf um
ihm zu folgen, doch sie kamen einfach nicht schnell genug voran. Die
Welle kam näher und näher. Der starke Regen draußen hatte die Höhle
voller Wasser laufen lassen. "Beeilt euch!!" rief Pyro wieder, doch
seine Stimme ging in dem brüllenden Rauschen der Welle unter, die nur
noch ein paar Meter hinter ihnen lag. "Ich will nicht sterben!!!"
schrie Era, doch in diesem Moment hatte die Welle sie erreicht und
schlug mit der Gewalt eines Hammers über ihnen zusammen. Myrrah
schaffte es gerade noch einmal tief Luft zu holen, ehe sie Unterwasser
gedrückt wurde. Sie verlor Eras Hand und auch Pyros. Vollkommen allein
und voller Todesangst und Panik versuchte sie an die Oberfläche zu
gelangen - doch da war keine! Da war nur eine raue, steinerne
Höhlendecke, an der sie sich in ihrer Verzweiflung die Hände aufriss.
Der Druck des Wassers riss alle Vier mit sich weiter den Tunnel hinab.
Pyro, Myrrah, Era und Flick, die vergebenes nach Luft rangen und sich
alle sicher waren, dass das ihr Ende wäre... Warum waren sie nicht
einfach daheim geblieben?! So wie ihre Mutter es gewollt hatte! Myrrah
bereute ihre Entscheidung zutiefst und wünschte sich jetzt nichts auf
der Welt mehr als daheim bei ihrer Mutter zu sein, ihre Nähe zu spüren
und sich in Sicherheit zu wissen. Das eiskalte Regenwasser verschlang
ihre Tränen und treib sie weiter vor sich her, tief ins Innere der
Höhle...
Abermals
erwachte Myrrah wie aus einem Alptraum mit einem Schrei und völlig
außer Atem. Sie lag bis zur Hüfte im Wasser, das Fell vollkommen
durchtränkt. Aber unter ihren Händen spürte sie Sand! Und sie atmete!!!
Schnell sah sie sich um. Sie lag am Ufer eines kleines Sees. Als sie
den Kopf drehte sah sie einen Wasserfall, der hoch oben aus einer
Felswand sprudelte. Dort musste die Höhle ins Freie münden. Sie sank
erleichtert, überglücklich und erschöpft zurück in den Sand. Sie lebte!
Sie hatte diese schreckliche Überschwemmung überlebt! Aber... Was war
mit den Anderen? Wo waren sie?!
Erneut fuhr Myrrah hoch und suchte
mit ihren Blicken das Ufer ab. Nur ein paar Schritte von ihr entfernt
entdeckte sie Era. Myrrah sprang auf und lief zu ihr. "Era!" rief sie
und rüttelte ihre Freundin an der Schultern. "Era! Era!! ERA!!!" Da
regte sich Era plötzlich, drehte sich mit Schwung auf den Bauch und
spuckte Wasser. Erleichtert sank Myrrah zurück auf die Fersen. Schwer
atmend hob Era den Kopf und sah Myrrah an. "Wir... leben..." keuchte
sie leise. Myrrah nickte nur und Tränen sammelten sich in ihren Augen.
"Ja... Wir leben..." Dann fielen sich die beiden Freundinnen
schluchzend in die Arme und weinten vor Freude.
"Hey, ihr Zwei. Wirklich nett von euch, dass ihr euch solche Sorgen um
uns macht!" erscholl plötzlich eine ihnen wohl bekannte Stimme neben
ihnen. Myrrah und Era fuhren herum und blickten in das keck grinsende
Gesicht von Pyro und auf den völlig zerzausten Flick. Myrrah strahlte
ihn, immer noch mit Tränen in den Augen, an. "Schön das es euch gut
geht!" schluchzte sie leise und man konnte fast sehen, wie Pyro etwas
rot wurde.
Sie
blieben noch eine Weile an dem Ufer des kleinen Sees und ließen sich
von der nun wieder scheinenden Sonne trocknen. Das Wetter im Herbst war
schon seltsam...!
Sie saßen Schulter an Schulter und lachten und
scherzten über das eben Geschehene. Eine Höhle die nach unten führte!
Sie hätten wissen müssen, dass sie bei Regen voller Wasser laufen
würde! Zumal sie das jedes Jahr im Herbst tat, wie Pyro nun auch
eingefallen war! Doch das war nun egal! Sie lebten und sie waren
zusammen! Alles andere war doch nebensächlich! Und die Stadt war nicht
mehr fern. Durch diesen kleinen, ungewollten Umweg hatten sie ein
ganzes Stück mühseligen Weg gespart.
Nachdem sie fast wieder trocken waren machten sie sich also wieder auf
den Weg. Nun Seite an Seite liefen sie erst ein Stück durch den Wald
und dann über eine weite, sich leicht dahinwellende Ebene. Es war
angenehm warm geworden nach dem schrecklichen Sturm, obwohl man überall
noch die Spuren des Gewitters sehen konnte. Hin und wieder sah man
verkohlte Baumstümpfe, wo ein Blitz eingeschlagen war oder umgeknicktes
Gras, wo Regen und Wind besonders schlimm gewütet haben. Jeder Fluss
und jeder Bach, an dem sie vorüber kamen, war über die Ufer getreten
und hatte das umliegende Land ertränkt. Doch als sie die Strasse
wiedergefunden hatten, war diese zum Glück vollkommen unbeschädigt von
dem Sturm geblieben.
Frohen Mutes und bester Laune reisten sie weiter und - ganz wie geplant
- hatten sie am frühen Abend die Stadt erreicht. Alle Strassen, das
Haupttor, die Mauern und die Häuser waren mit bunten Fähnchen und
Lichtern geschmückt und nun, da der Sturm vorüber war, waren überall
Leute damit beschäftigt Blumengirlanden aufzuhängen und Lampions
anzuzünden. Auf dem großen Platz, wo man die Tänze und das
Unterhaltungsprogramm aufführte, brannte nun ein hohes, weithin
sichtbares Feuer, dass alle Feuchtigkeit und Kälte aus der Stadt zu
vertreiben schien. Rund um den Platz waren Tische aufgebaut worden, die
sich unter dem Gewicht der Früchte, Brote, Fässer und Braten, die sie
trugen, fast durchbogen. Staunend blieben die Vier am Rande des Platzes
stehen und sahen sich um. "Wahnsinn..." hauchte Era und Flick nickte
zustimmend. Myrrah und Pyro standen neben ihnen und - ohne, dass sie es
merkten - hielt er ihre Hand. "Es ist doch jedes Jahr schöner!"
lächelte Myrrah und sah Pyro an. Pyro grinste. "Und es gibt jedes Jahr
mehr zu Essen!" Myrrah lachte. "Allerdings!" Era und Flick drehten sich
zu ihnen um. "Wir sind doch noch heil angekommen!" sagte Era lächelnd.
Myrrah nickte nur und lächelte schief. "Auch wenn es fast nicht so
wäre...!" Era zuckte nur mit den schuppigen Schultern und streckte ihr
die Zunge raus. "Aber es hatte auch was schönes! Immerhin sind wir vier
jetzt Freunde!" Myrrah lachte leise. "Naja... Wie man´s nimmt." Grinste
sie breit. Era streckte ihr Hand in die Mitte des Kreises, den sie
bildeten. "Wir bleiben Freunde, klar?! Egal, was uns auch passiert!"
Flick streckte als erster seinen buntgefiederten Flügel vor und legte
ihn auf ihre Hand, begleitet von einem zustimmenden Pfeifen. Pyro
grinste nur und nickte. "Klar! Mich werdet ihr so schnell nicht wieder
los!" Lächelnd legte er seine Hand auf die von Era und Flick. Dann
sahen alle Myrrah an. Sie zögerte einen winzigen Augenblick. Dann aber
dachte sie sich: Ach, was soll's! Schnell streckte sie ihre Hand aus
und legte sie auf Pyros. "Freunde!" sagte sie lachend und die anderen
stimmten mit ein. "Freunde für immer!!"