"Team Toleranz" von Leonie Viola Thöne (15 Jahre)
Sonnenstrahlen strichen verspielt über die Oberfläche unseres Teiches und ein herabsinkendes Blatt kam sanft auf dem Wasserspiegel auf. Kreisförmig breiteten sich die Wellen aus und zeichneten ein geregeltes Muster.Ich stand am hölzernen Gartentor, an dem die morsche weiße Farbe abblätterte und beobachtete das Geschehen im Nachbarhaus. Wir wohnten in einer Art uralten Villengegend. Direkt an die äußeren Straßen grenzten einige preiswertere Riesen mit bis zu acht Stockwerken und 40 Wohneinheiten in Plattenbauweise. Wenn Mama und Paps im Garten lagen und über die Blätter unserer Hecke hinausschauten, ärgerten sie sich jedes Mal beinahe ein Loch in den Bauch.
"Die rauben uns jede Sicht" oder "Dieser Kasten ist einfach eine grauenhafte Aussicht!", hörte ich dann beinahe ununterbrochen. Ehrlich gesagt fand ich das Haus vielleicht architektonisch nicht besonders gelungen, aber dort wohnten all meine Freunde. Die Leute, die sie in der Schule abfällig als "Türkengang" bezeichneten. Ich weiß nicht, wieso ich damals plötzlich zu ihnen gehörte und wieso sie mich in ihren Kreis aufnahmen, aber seitdem habe ich es nie wieder bereut, mit ihnen befreundet zu sein, auch wenn unsere Nationalitäten, Religionen und Kulturen sich stark unterscheiden.
"Was läuft da ab?", fragte Emel mich und tippte mir auf die rechte Schulter. Offensichtlich bekamen wir neue Nachbarn. Die Villa, die unserer ähnelte, nur das ihre Erker kleiner und kein Turm vorhanden war, stand seit Monaten leer. In der Nachbarschaft galt sie als Schandfleck, aber für mich sah sie beinahe aus wie das Hundertwasserhaus, das sie jetzt in der Stadt bauten.
"Vermodern und verrotten wird das Häuschen, bald genau so ausschauen wie das Ausländerhaus, das uns die Sonne wegnimmt und dann geht es mit dem Birkenwald zu Ende", wetterte Julius unser linker Nachbar, ein spießiger Rechtsanwalt mit Schnurrbart und glänzend polierten Schuhen, schon seitdem die alten Mieter das Haus aufgrund von Insolvenz verlassen mussten. "Birkenwald" so lautete der Name unseres Gebiets. Uralte wunderschöne Birken säumten die Alleestraßen und verliehen den Wegen ein ganz besonderes Licht.
"Lieber solidarisch als solide arisch" hatte vor kurzem jemand auf eine Fassade gesprayt. Vandalismus hielt sich in Grenzen, war aber nicht zu verhindern.
"Endlich zieht wieder jemand ein", antwortete ich.
"Und die Spießer hören auf zu motzen", sagte auch Emel und strich sich ihr pechschwarzes Haar aus der Stirn. Emel trug kein Kopftuch, sie hatte sich damals dagegen entschieden. In diesem Moment liefen Alp, Umut und Adem die Straße entlang und steuerten ziemlich genau auf unser Haus zu. Sie winkten schon von weitem und ich hörte ein paar türkische Gesprächsfetzen heraus. Emel und Elif haben mir auch ein wenig türkisch beigebracht. Ich kann fluchen, begrüßen, verabschieden, nach dem Wetter und dem Befinden fragen und flirten, aber am allerschönsten klingt "Ich liebe dich" für mich. Seni Sevi yorum.
"Melhaba Saskia!", rief Alp und sprang leichfüßig über das Tor. Die Anderen schüttelten flachsend die Köpfe und klingelten lieber. Alp war groß, schlank und seine markanten Züge setzten sich auffällig von seinem dunklen, dichten Haar ab, das er nach hinten gegeelt hatte. Wenn er lachte, strahlte sein ganzes Gesicht mit. Alp fand ich schon immer sehr hübsch, aber verlieben...in einen türkischen Jungen? Es ist kein Rassismus, der mich davon abhält, aber ich habe eine gewisse Angst. Kulturen sind verschieden. Freundschaft ist anders als Liebe.
"Ey, der chice Kasten nebenan kriegt wieder Leben, was?", fragte Umut und gab mir rechts und links ein Küsschen auf die Wange. Er trug ein "Türkye" T-shirt und eine Deutschland Kappe. Normalerweise kam Mädchen diese Ehre nicht zu teil, aber Umut ist ein lockerer Typ.
"Hoffentlich ne hübsche Schnecke" witzelte Adem und hockte sich in den Liegestuhl. Während er das sagte liefen eine Frau, ein Mann und zwei Jugendliche auf unsere Tür zu. Ein Mädchen und ein Junge. Kaum älter als ich. Von den Größenverhältnissen schätzte ich das Mädchen auf 15 und den Jungen auf 17, aber durch die Birken konnte ich ihre Gesichter nicht genau erkennen.
Neugierig rannte ich zur Haustüre. Die Jungen zwinkerten sich zu und folgten mir. Emel blieb zurück. Mama rauschte gerade aus der Küche. Die orientalische Küchenschürze, die sie trug hatte Emels Mutter ihr geschenkt und an der Wand hing das Auge, das böse Geister fernhalten sollte. Wir öffneten die Türe. Alp, Adem und Umut hielten sich im Hintergrund. Die fremde Frau schenkte meiner Mutter und mir ein breites Lächeln.
"Melhaba Familie Leiersdorf, wir wollten uns nur vorstellen, wir sind ihre neuen Nachbarn, die Demirkans. Ich bin Banu und das ist mein Mann Jochen", sagte die Frau und streckte uns eine gelbe Rose entgegen. Das größere Geschenk aber war ihr herzliches Lachen und die geöffnete Hand, die sie uns entgegen streckte.
"Oh, was für eine Freude, kommen sie doch herein", antwortete Mama. Draußen sah ich, wie den Meiers, die am Fenster standen, vor Neugierde der Mund offen stand, Frau Kleinbaum fassungslos den Rasen fegte und Herr Tedeldonk seine Fernsehantenne goss. In diesem Moment aber entdeckte ich den Jungen, den ich eben schon von weitem gesehen hatte.
"Hi, ich bin Sinan und du?", sagte er und ich vergaß nicht nur alle meine eben aufgestellten Bedenken gegenüber anderen Kulturen in Sachen Liebe, sondern auch meinen Namen.
"Sie heißt Saskia-Sophie", übernahm Adem das Antworten für mich.
"Und wir sind Adem, Alp und Umut. Ey, voll krass, das ihr hier einzieht, ihr kommt aus Türkei, oder?", sprach er weiter, tauschte den typisch jungenhaften Handschlag aus und entwickelte ein Gespräch mit den neuen Nachbarn, die inzwischen an unserem Küchentisch saßen. Mama lachte gemeinsam mit Frau Demirkan über einen misslungenen Apfelstrudel, Papa unterhielt sich über den anstrengenden Grünschnitt aber ich starrte nur stumm Sinan an und versank in seinen großen braunen Augen. Seltsam, er sah gar nicht typisch türkisch aus. Er sah bloß...unglaublich gut aus...
"Das kommt daher, das mein Vater Deutscher ist und wir schon sehr lange hier in Deutschland leben. Eigentlich ist es meine Heimat", sagte er plötzlich. Ich schluckte trocken und riss die Augen auf, ich hatte das doch eben etwa nicht laut gedacht?
"Hab ich was gesagt?", fragte ich und meine Stimme klang wohl etwas zu schrill, denn Adems Blick war ziemlich irritiert. Er schüttelte den Kopf und Emel packte meinen Arm.
"Ey hasse genug getrunken?". Ich nickte eilig und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Dann aber fiel mein Blick auf seine Schwester Enise, denn sie betrachtete eingehend meinen Eishockeypokal.
"Du spielst Eishockey?", fragte sie entgeistert und stützte die Arme in die Hüften über ihrer Jeans. Gerade wollte ich mich dafür rechtfertigen und erklären, dass unser Team das beste überhaupt sei und Mädchen heutzutage auch spielten, da hatte sie schon "Cool, ich auch!" gerufen. Damit war die Sache klar, bessere Nachbarn hätten wir uns gar nicht wünschen können.
Am nächsten Morgen in der Schule unterhielt ich mich gerade mit Julia über die neueste CD einer lokalen Rockgruppe, als Herr Webens die Klasse betrat. Langsam ebbte der Geräuschpegel ab und jeder suchte sich seinen Platz. Ein neues Schuljahr hatte begonnen und die italienischen Zwillinge Dina und Francesco waren weggezogen. So standen zwei Stühle leer. Einer neben mir und Emel und einer neben Alexander, dem rothaarigen Klassenclown.
"Zwei gegen zwei" lachte Herr Webens und drückte sich wie immer unverständlich aus.
"Also, hier sind die Neuen", fuhr er fort. Die Türe sprang auf und Sinan und Enise traten in die Klasse. Betretenes Schweigen. Manche murmelten uninteressiert, andere zogen gelangweilte Gesichter. Sinan trug ein Fan-Shirt von Bayern München. Ich konnte mir ein kleines Grinsen einfach nicht verkneifen, als er mir zublinzelte und dann auf den Platz neben Alexander zusteuerte.
"Schon wieder so eine Scheiß Türkin, Ausländer raus", zischte Julia von links und bemühte sich nicht leise zu sprechen. Sie saß auf dem Platz neben dem freien Stuhl und zog sich ihren rosafarbenen Lip-Gloss nach.
"Der Typ sieht ja ganz niedlich aus", sagte sie dann zu Marie, ihrer Banknachbarin.
"Aber die Tusse..., die stinkt, wie alle Kopftuchschlampen." Enise bekam den Platz neben mir und ich schob mein Heft rüber um ihr zu zeigen, was wir bereits bearbeitet hatten, da drehte sich Julia zu ihr:
"Darfst du denn ohne Kopftuch rumlaufen" sagte sie ziemlich laut und klimperte mit den Wimpern. Und einige weibliche Lacher wurden laut.
"Ich mein ja nur, weil Frauenunterdrückung und Schlägertypen soll es ja heute in benachteiligten Familien immer noch geben." Mit diesen Worten zog sie ihren Rock noch ein Stück weiter hoch, schlug die nackten Beine übereinander und setzte ein überhebliches Lächeln auf. Die Mädchen lachten. Enises Züge erstarrten.
Empört lehnte ich mich zu Julia herüber und schlug die Hände in gespieltem Mitleid zusammen.
"Oh, Julia, dann stimmt es also doch, dass du zu Hause geschlagen wirst? Wie können wir dir nur helfen?" Dieses Mal lachten die Jungen und davon haben wir zu Julias Nachteil mehr als von den Mädchen. Ich bekam einen Verweis von Herrn Webens, aber das war es mir wert.
Eine Stunde später standen wir vor dem Kunstraum. Ich lehnte in einer Gruppe mit Dina, Lisa und Janina. Janina holte gerade ihre Bürste hervor und kämmte ihr blondiertes Haar.
"Ich kann echt nicht verstehen, wie du mit dem Türkenpack rumhängen kannst....ich mein die Scheiß Ausländer nehmen uns die Studienplätze weg und mieten die schönen Wohnungen, anstatt ihren Containern...die sollten mal lieber wieder ganz schnell nach Hause" sagte sie. Ich schüttelte den Kopf und gab keine Antwort.
"Also find ich aber auch" pflichtete Dina ihr plötzlich bei.
"Ey die können die voll nicht mal richtig deutsch und so" Ich zog eine Augenbraue hoch.
"Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen" zischte ich und ich ging durch die Klassentür. Sinan hatte keine Probleme in der Gruppe von deutschen Jungen, aber unsere Mädchen, so fiel mir plötzlich auf, waren umso mehr gegen "Die Ausländer".
Im Sportunterricht wurde ich normalerweise schnell in die Mannschaften gewählt, da ich wegen meiner Eishockeyerfahrung sehr sportlich war. Heute aber blieb ich fast bis zum Schluss sitzen. Vielleicht lag es daran, dass vier Mädchen wählten, dass ich gemeinsam mit allen türkischen Mädchen und auch Enise in eine Gruppe kam. Eine dumme Entscheidung uns nicht zu wählen, denn Enise, Emel und ich waren den anderen Mannschaften ganz klar überlegen.
"Gebt euren Teams bitte einen Namen" wies Herr Biesen uns an und verteilte kleine Papierfetzen.
Julia, Lisa, Marie, Dina und Janina nannten ihre Gruppe "German Wings". Ich blickte in die Runde. Als ich unsere Gruppe sah, wusste ich sofort wie wir uns nennen sollten. Ich griff nach dem Stift, schrieb: "Team Toleranz" und ließ den Zettel bei uns rumgehen.
"Korrekt Sassi" sagte Enise und klopfte mir auf die Schulter. Plötzlich lachte Julia ihr Hyänenlachen los. Sie stand hinter Emel und hatte ihr über die Schulter geschaut.
"Die Dönerfresser heißen Team Toleranz, oh Mann wie bescheuert ist das denn? Seid ihr ne Selbsthilfegruppe?" fragte sie und legte den Kopf mit einer herablassenden Grimasse schief. Enise stützte die Hände in die Hüften und setzte ein zuckersüßes Lächeln auf.
"Soso, German Wings wa? Flugzeugträger helfen euch Lackaffen auch nicht um den Ball in den Korb zu kriegen, ey. Stewardessen sind für den Kaffee zuständig, also..macht mal ganz schnell nen Abflug!" Julias Mund blieb so weit offen stehen, dass man hätte einen Basketball hinein werfen können.
Als wir dann den vierten Korb beim Basketball versenkten, hörte ich plötzlich ein lautes Buhen aus der Zuschauerriege. Schneidend und verletzend schallte es von Julia und Dina. Die beiden sahen sich unschuldig an und grinsten verschlagen, als ich zu ihnen rüber sah.
Mein Mut sank. In meinem Hals saß ein Kloß. Dina war schon seit der Grundschulzeit meine Freundin. Die einzige deutsche Freundin und jetzt ließ sie mich im Stich. Für Julia? Ich stand wie festgefroren. Um mich herum ging das Spiel weiter, aber alles zog an mir wie durch einen Nebelschleier vorbei.
"Weiter so Saskia. Du schaffst das! Los, hau den Ball rein. Yeah, du bist hier der Champ, Team Toleranz, ihr seid geil", hörte ich plötzlich aus der anderen Ecke. Es kam von Sinan. Er stand auf der Bank, hatte sein Shirt ausgezogen, schleuderte es durch die Luft und sprang gemeinsam mit Jan, Adem, Alp, und Thomas auf und ab.
Der Ball zielte auf mich. Wie automatisch fing ich ihn auf, dribbelte los, rannte und täuschte drei mal an. Ich huschte um Jenny und Sabine rum, schlüpfte aus Tinas Armen, sprang und warf.
Ein Korb. Applaus und Schreie von der Zuschauerbank ertönten. Ein langer Pfiff und dann die Durchsage:
"Team Toleranz geführt von Saskia und Enise siegt hiermit im Finale gegen ‘German Wings’ und ‘Sugarbabes’ 5:0" grölte der Sportlehrer. Sinan rannte mit den anderen Jungen aufs Spielfeld und nahm mich gemeinsam mit Alp auf die Schultern.
Und Dina und Julia saßen ziemlich allein auf der Bank.